
Premium | Visionär und Kämpfer für Soziales. So haben viele Norbert Baumgarten erlebt. Für sich selbst zu kämpfen und das sein zu dürfen, was sie, Nora, schon immer war, musste warten.
Wie lebt man 50 Jahre im gefühlt falschen Körper? Wann und wie bemerkt man, dass etwas anders ist und nicht zu der Rolle passt, die das Leben einem zugedacht hat? Warum kämpft man nicht für sich selbst, wie man für andere kämpft? Im Gespräch mit Nora Baumgarten hat die Autorin diese Fragen gestellt. Der Rückblick erzählt vom Leben des Nobert Baumgarten und dem langen Weg hin zu Nora Baumgarten.
Aufgewachsen ist Norbert Baumgarten mit fünf Geschwistern im katholisch geprägten Gerderath, einem Stadteil von Erkelenz im Kreis Heinsberg mit rund 5.000 Einwohnern. „Eine Bergbausiedlung“, ergänzt sie. Der Vater war Ingenieur, die Mutter Hausfrau. Vom Ministrant hin zum Jugendgruppenleiter wuchs Norbert in der Kirchengemeinde heran. Dass er anders fühlte, als andere Jungen, bemerkte er erst in der Pubertät. „Meine Mutter hat dann Mädchenkleidung, die sie in meinem Zimmer fand, heimlich verschwinden lassen“, erinnert sich Nora.
Während die meisten Menschen wussten, was schwul oder lesbisch sein bedeutet, auch wenn selten darüber gesprochen wurde, dürften die Eltern der heutigen Babyboomer den Begriff trans gar nicht bis eher selten gehört haben. Das Internet gab es noch nicht. Jugendliche, die sich in ihrem Körper mit den jeweiligen Geschlechtsmerkmalen nicht zu Hause fühlten, fanden sich oft allein in einer diffusen Gefühlswelt wieder. „Damals wusste ich selbst nicht wirklich, was eigentlich mit mir los ist. Ich mochte ja Mädchen, aber eben anders als Jungen in meinem Alter“, beschreibt Nora Baumgarten ihre Pubertät als Norbert.
Das ist ein Spätzünder
Aufgrund einer Lese-Rechtschreibschwäche (Legasthenie) durchlief Norbert Baumgarten die Hauptschule und kam später über den zweiten Bildungsweg ins Studium der Sozialarbeit. „Damals haben alle gesagt, das ist ein Spätzünder. Während meine beiden Brüder auf dem Gymnasium das Superlatinum machten, dümpelte ich auf der Hauptschule herum und langweilte mich“, kann sich Nora Baumgarten noch gut an die Schulzeit erinnern. „Lesen machte mir damals überhaupt keinen Spaß.“
Das hat sich später geändert. Schon damals hat sich Norbert Baumgarten für andere eingesetzt, war Klassen- und Schulsprecher. Nach der Bundeswehr, die er mit seiner Technikaffinität im Bereich Instandsetzung Radkette verbrachte, studierte Norbert an der katholischen Fachhochschule Aachen Soziale Arbeit. „Jetzt weiß ich, warum ich hier gelandet bin, dachte ich, als ich erfuhr, dass die Hochschule früher als Schule für höhere Töchter gegründet wurde.“ Es war auch zu Beginn des Studiums, als Norbert Baumgarten sich innerhalb der Familie outete. „Ich hab mir Frauenklamotten angezogen und kam damit ins Wohnzimmer.“ Der gewünschte Effekt, die Akzeptanz, blieb irgendwie aus. „Mein Vater sagte nur: Hör auf mit dem Quatsch, zieh Dich jetzt mal wieder um.“ Damit schien das Thema durch, dabei war sie in der Familie kein Einzelfall. Ein Cousin des Vaters teilte das Schicksal, zog aber von der Familie weg nach Holland und verstarb früh. Auch eine lesbische Tante habe es in der Familie gegeben. Von dem offenen Umgang, den man heute pflegt, war man damals aber noch weit entfernt.
Eine Kommilitonin, die aus Stuttgart stammte, lud ihn während des Studiums ein, sie in den Semesterferien zu einem Familiebesuch zu begleiten. „Und dann hat es gefunkt“, erzählt Nora von dem so lange zurückliegenden Besuch. Norbert Baumgarten verliebte sich in die Schwester der Kommilitonin, Barbara. „Ich bin so froh, dass ich sie habe und mit ihr zwei so wunderbare Töchter“, beschreibt Nora das Glück damals eine Liebe gefunden zu haben, die bis heute alles überdauert.
Ein Berufsleben lang im Einsatz für soziale Gerechtigkeit
Die Affinität für Technik hätte Norbert Baumgarten auch in eine Laufbahn führen können, wie sie sein Vater als Ingenieur eingeschlagen hatte. „Ich glaube, ich habe über mein eigenes Sein Empathie für Schwächere entwickelt und deshalb die Richtung Soziales gewählt“, denkt Nora rückblickend. Das Anerkennungsjahr im Rahmen des Studiums hat Norbert damals im Jugendamt absolviert. Schon immer ein wenig ungeduldig mit dem Willen etwas zu bewegen und zu verändern, hat es ihn nicht in der Verwaltung gehalten. „Das war nichts für mich.“
Den ersten richtigen Job trat er dann über die Gewerkschaft in der Zeche Sophia Jacoba als Sozialarbeiter an. „Das war im Rahmen eines EU-Projektes zur Humanisierung der Arbeitswelt“, erinnert sich Nora. „Sophia Jacoba hatte keinen einzigen Sozialarbeiter. Da bin ich dann reingerutscht. Da konnte man was machen, das war Pionierarbeit.“ Fast fünf Jahre blieb Norbert Baumgarten in der Zeche. Mit dem Beginn der Verkaufsgespräche der niederländischen Gesellschaft Robeco und der Ruhrkohle AG orientierte sich Norbert Baumgarten rechtzeitig neu und kam so zum SKFM nach Erkrath.
SKFM Erkrath
Die Geschichte des SKFM in Erkrath ist eng mit der Geschichte von Norbert Baumgarten verflochten. Gerade einmal 1,5 Stellen hielt der SKFM damals vor. „Das war ein bunter Strauß an Aufgaben, wie die offene Sprechstunde für Hilfesuchende oder gutachterliche Stellungnahmen für Familien- und Jugendgericht. Die Begleitung von Selbsthilfegruppen, Vormundschaften und Pflegschaften für Minderjährige und Erwachsene gehörten ebenso dazu, wie die Gremienarbeit in der Kirchengemeinde der Stadt Erkrath“, beschreibt Nora Baumgarten die Ursprünge des SKFM in Erkrath vor mehr als drei Jahrzehnten.
Als ein Teil der Aufgaben wegen umfassender Gesetzesnovellierungen an den Kreis abgegeben wurde, übernahm Norbert Baumgarten 1993 die Dienststellenleitung im SKFM Erkrath und entwickelte und verfestigte neue Aufgabenbereiche für den Verein. Viele dieser neuen Aufgabenbereiche entwickelten sich aus den Erfahrungen bereits etablierter Bereiche, wie aus der Schuldnerberatung. „Ich habe mich gefragt, wodurch die Menschen in die Überschuldung geraten sind. Der Hauptgrund war damals Arbeitslosigkeit“, erinnert Nora Baumgarten sich zurück. Es folgten Gespräche mit Betroffenen, die schilderten, dass die Arbeitsämter zu wenig auf ihre Kompetenzen eingehen würden und die Vermittlung deshalb nicht gut verliefe. „So entstand der Jobclub als Vorläufer zum späteren Arbeitslosenzentrum“, erklärt sie. Eine geschulte Fachkraft nahm sich damals Zeit für längere Gespräche mit den Arbeitssuchenden und stärkte sie darin eigene Lösungen, passend zu ihren Kompetenzen zu finden. Viele fanden darüber wieder in eine passende Anstellung. Andere waren schon so lange aus dem Beruf heraus, dass sie erst Training benötigten, um wieder fit für den Arbeitsmarkt zu werden. Nach und nach entwickelten sich daraus weitere Angebote des SKFM. 2009 beförderte der SKFM sie aufgrund ihrer Leistungen zum Geschäftsführer.
Neben dem Arbeitslosenzentrum, das mit dem Secondhand-Kaufhaus Rundum für viele Erkrather günstige Einkaufsmöglichkeiten bietet, entstanden weitere Angebote. Für einen besseren Übergang von der Schule in den Beruf, das Projekt Zündstoff für Schulmüde bis hin zum Eltern-Kind-Café und den niederschwelligen Frühen Hilfen für Familien, um deren Kompetenzen zu stärken. Eine der größten Herausforderungen in den ganzen Jahren war bei der Verstetigung neuer Angebote die Finanzierung, bei der auch die dynamische Kostenentwicklung berücksichtigt werden musste. Etwa ein Drittel ist städtisch finanziert. Norbert Baumgarten entwickelte sich über die Jahre ‚zum Fuchs in Sachen Förderprogramme und Förderungen‘. Schließlich war er für 55 haupt- und 60 ehrenamtliche Mitarbeiter verantwortlich.
Das letzte große Projekt beim SKFM, für das Norbert Baumgarten sich eingesetzt hat, war das Forum Sandheide und die Aufnahme in das Programm Soziale Stadt Sandheide. Das Forum Sandheide ist das ‚Haus für alle‘, in dem heute neben dem SKFM die Tafel und verschiedene Vereine eine Heimat gefunden haben. Multifunktionsräume bieten vielfältige Nutzung, wenn Räume benötigt werden und mit ‚der Kunst am Bau‚ (Skulptur, Logo und Farbgebung – den Wettbewerb gewann Erkraths Künstler Lothar Kniep) präsentiert sich das Forum weit sichtbar als bunt und vielfältig.
Die Batterien waren leer
Neben der Arbeit als Geschäftsführer des SKFM war Norbert Baumgarten auch an anderen Stellen für soziale Gerechtigkeit aktiv. Unermüdlich hat er sich für den Schutz der kommunalen Daseinsvorsorge, die durch CETA, TTIP und TISA gefährdet wird, eingesetzt und über die neue Generation von Freihandelsabkommen aufgeklärt. In den wenigen stillen Momenten rief Nora danach an die ‚Oberfläche‘ zu kommen. Ein paar Damenschuhe in Übergröße oder die gestochenen Ohrlöcher und Ohringe waren kleine Zugeständnisse an die Frau, die in Norbert seit 50 Jahren darauf wartete ’sein zu können‘. Der Umzug ins Forum hatte die letzten Kräfte aufgezehrt. Kurz vor offiziellem Renteneintritt schied Norbert Baumgarten gesundheitlich bedingt aus und entschied in der eintretenden Ruhe, dass es Zeit wird, das Leben zu leben, auf das Nora wartete.
Von der inzwischen in Kraft getretenen Gesetzesänderung profitierte Norbert auf dem Weg zu Nora noch nicht und musste den steinigen Weg gehen, den man Transmenschen bereitete. Wieviel Kraft das Leben im falschen Körper über 50 Jahre gekostet hat, können sich Aussenstehende kaum ausmalen. Es gehört schon eine starke Persönlichkeit und vielleicht ein Mensch, der einen uneingeschränkt liebt, dazu.
Noras Coming out und das neue Leben
35 Jahre war Norbert Baumgarten das Gesicht des SKFM in Erkrath. Dann war er ‚weg‘. Erst nachdem er die wichtigen Schritte gegangen war, die nötig waren, um Nora zu sein, folgte die verspätete Verabschiedung im Jugendhilfeausschuss der Stadt und im SKFM. Auch dazu gehört Stärke, denn ganz bewusst hat Nora das Coming out im gewohnten Umfeld geplant, sich im letzten Sommer auch auf dem CSD eingebracht. „Es gab auch Menschen, die ich seit langem kenne, die sich umgedreht haben, wenn ich sie gegrüßt habe“, erzählt Nora Baumgarten, dass nicht alle Menschen positiv mit ihrer Veränderung umgegangen sind.
Eigentlich war der Plan jetzt im Ruhestand mal mehr als drei Wochen Urlaub am Stück zu machen. Eher mal sechs und mehr Wochen sollten es sein. Dazu haben sich die Baumgartens ein gebrauchtes Boot gekauft, das im letzten Jahr auch schon eingeweiht wurde. Wieviele längere Urlaube es dann wirklich geben wird, ist offen, denn Nora hat natürlich den innerlichen Antrieb, das Engagement für mehr soziale Gerechtigkeit, Toleranz und Vielfalt nicht ‚beim SKFM‘ abgegeben. „Ist es nicht wunderbar die Option zu haben“, lacht sie und meint längere Urlaube. Im Moment trifft man sie häufiger als Unterstützende an den Wahlkampfständen der Linken. Parteimitglied ist sie inzwischen auch. Ihrer Meinung nach gibt es nur dann eine nach innen und außen friedliche Gesellschaft, wenn die Demokratie das Versprechen einlöst für alle Bürger ein auskömmliches Leben zu ermöglichen. Es ist freiwilliger Einsatz für die Demokratie und für soziale Gerechtigkeit. „Ich finde es schön, dass sich aktuell auch wieder so viele junge Menschen entscheiden, sich für die Demokratie einzusetzen“, erklärt Nora Baumgarten. Langfristig möchte sie sich vor allem dafür einsetzen trans auf Länderebene voranzubringen.
Trans, eine Spielart der Natur
In den 90iger Jahren setzte sich in der Wissenschaft durch, dass nach 100 Jahren intensiven Erforschens des Transseins nichts Krankhaftes hieran fest zu stellen ist. Es ist eine von vielen Spielarten der Natur. Transmenschen sind Menschen mit einer besonderen Prägung.
Studien haben gezeigt, dass das Suizid-Risiko bei Transmenschen stark erhöht ist. Sowohl die Gesetze, als auch die Akzeptanz in der Gesellschaft haben sich inzwischen verändert. Damit junge Menschen die für sie richtige Entscheidung treffen können, müssen möglicher Weise noch viele alte Rollenklischees aufgebrochen werden, damit sie nicht das erleben, was Charlie Evans (Artikel auf emma.de) erlebt hat oder wie Transmänner, die Kinder bekommen und dann akzeptieren müssen, dass ihr Name in der Geburtsurkunde unter ‚Mutter‚ steht. Die Arme der deutschen Bürokratie sind lang … Der Bundesverband Queere Bildung hat einen Flyer herausgegeben, der Antworten auf viele Fragen gibt.



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