Aktionen gegen Rechts: Kundgebung als Auftakt

Von Christian Zimmer

Blick auf die Kundgebung gegen Rechts auf dem Europaplatz. Foto: Christian Zimmer

Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger setzten am Samstag, 17. Februar, auf dem Europaplatz in Hochdahl ein Zeichen gegen Rechtsextremismus.

Um 11 Uhr hatten sich viele Menschen auf dem Platz vor den Hochdahl Arcarden versammelt. Auf selbstgebastelten Schildern gab es „Lieber bunt als braun“, „Trennt Müll nicht Menschen“, „Migriert euch ins Knie!“ oder „Menschenrechte statt rechte Menschen“ zu lesen. Eine große Gruppe der Sankt Georg Pfadfinder Stamm Erkrath war gekommen, zudem Vertreter der GGS Millrath, von Sportvereinen und Kirchengemeinden. Mitglieder des SKFM Erkrath hielten ein großes buntes Transparenz die ganze Zeit über hoch, auf dem „für eine freie und bunte Gesellschaft!“ stand. Dieter Thelen vom Freundeskreis für Flüchtlinge begrüßte die Teilnehmenden der Kundgebung und moderierte. Aufgerufen hatte ein breites Aktionsbündnis aus Parteien, Vereinen, Kirchen und dem Wirtschaftskreis.

Schilder gegen Rechts. Foto: Christian Zimmer
Banner des SKFM. Foto: Christian Zimmer

Reden von Politik und Jugend

Die ersten Reden wurden von der Politik gehalten: Bürgermeister Christoph Schultz begrüßte die Teilnehmenden ebenfalls, auch wenn dies aus seiner Sicht kein schöner Anlass sei. „Ich freue mich, dass wir hier und jetzt allen Feinden unserer freien und demokratischen Gesellschaften zeigen, dass wir mehr sind! Dass wir bunt sind! Und dass wir laut sind!“ Dafür gab es Applaus. Die Politik sei gefordert, Lösungen zu finden, aber: „Wir brauchen Zuwanderung, wir brauchen Freiheit, Offenheit und Toleranz!“, sagte der erste Bürger der Stadt. Die stellvertretenden Bürgermeister Marc Göckeritz (Bündnis 90/Die Grünen) und Regina Wedding (CDU) verlasen die Resolution des Stadtrates. (Das komplette Rede-Manuskript haben wir ganz unten.)

Der NRW-Landtagsabgeordnete Christian Untrieser (CDU) sprach angesichts der vielen Demonstrationen in den vergangenen Wochen von der größten Demonstrations-Bewegung, die es in Deutschland jemals gegeben hätte. „Wir stehen ein für unsere Freiheit und lassen uns diese nicht nehmen!“ Ralf Lenger von der FDP-Ratsfraktion hielt eine kurze Ansprache, er hatte bereits in einer gemeinsamen Sitzung des Integrationsrats und des Ausschusses Soziales und Wohnen eine Demonstration angeregt, welche dort abgelehnt wurde. Nun also doch eine eigene Kundgebung in Erkrath. Der BmU-Vorsitzende Christian Ritt warb dafür, dass „Demokratie verteidigen“ auch in der (Kommunal-)Politik sein sollte. AfD-Wähler sollte man aus seiner Sicht nicht vorverurteilen, sondern das Gespräch suchen.

Auch die Jugend kam zu Wort: Mark Walsleben, Vorsitzender des Jugendrat Erkrath, hielt ebenfalls eine Rede. Er forderte, dass der Protest auch langfristig werden muss. Für nichts „lohnt es sich mehr, als sich für Gleichheit und Gerechtigkeit einzusetzen“, machte er klar. Eine Schülersprecherin wies darauf hin, dass sich in diesen Tagen der rechtsextreme Anschlag in Hanau bereits zum vierten Mal jährt.

Vereine positionieren sich

Für die Sportvereine sprach Peter Knitsch als Vorsitzender des Stadtsportverbandes Erkrath e.V.. Er berichtete: „Kürzlich kam ein Jugendlicher im Verein zu mir und hat mich gefragt, ob er Deutschland verlassen müsse. Menschen mit Migrationshintergrund haben mitbekommen, dass das in Deutschland diskutiert wird. Ich habe mich für diese Frage geschämt!“ Dabei seien gerade Sportvereine eine gute Möglichkeit, Menschen zu integrieren.

Die ‚Omas gegen Rechts‘ hatten die Kundgebung angemeldet. „Gegen Rechts sind wir zur Stelle“, sagte eine von ihnen. Viele ihrer Mitglieder würden ihre Väter nur von Fotos kennen, da sie im Zweiten Weltkrieg gefallen sind. Das solle sich nicht wiederholen. Unter den ‚Omas‘ war auch Hanna Eggerath, welche sich auch im Geschichtsverein engagiert und schon Bücher über die Erkrather Geschichte herausgebracht hat. Eine weitere Oma richtete sich mit einer Frage an die Fußballfans: „Was wäre denn der Fußball nur ohne Ausländer?“ Auch einen Rap hatten die ‚Omas gegen Rechts‘ mitgebracht: Zum Refrain „Wir sind laut, weil’s uns graut!“ zählten sie das Grauen aus ihrer Sicht auf – von der AfD im Bundestag über „Höcke, den Faschisten“ bis hin zum Ertrinken von Menschen im Mittelmeer. Die Teilnehmenden der Kundgebung stimmten in den Refrain ein.

Der Integrationsratsvorsitzende Azim Abromand machte darauf aufmerksam, dass heute nicht alle da sein könnten, die sich gegen Rechts stellen. „Weil sie arbeiten, aber es gibt auch welche, die aus Angst nicht kommen“, sagte er. „Lasst uns für die Demokratie kämpfen!“, forderte er die Teilnehmenden auf.

„Lieber bunt als braun“. Foto: Christian Zimmer
Die „Brandmauer“. Foto: Christian Zimmer

Auftakt für weitere Aktionen

Zwischen den Reden gab es zwei Musikeinlagen: Uwe Heidelberg alias ‚Doctor Soul‘ und zwei Mitglieder von Tonkomplex spielten einige Lieder. Letztere coverten unter anderem ‚Herr Meier von der AFD‘ der Berliner Rockband ENGST. Elke Nussbaum von der Partei ‚Die LINKEN‘ verlas zwei Texte von Heinrich Heine. Für die Wohlfahrtsverbände sprach der SKFM. Bei einer gemeinsamen Erklärung der Kirchen war auch Mohammed Assila vom Marokkanischen Familien- und Kulturverein mit auf der Bühne. Sie alle machten klar, dass Rechtsextremismus keinen Platz bei ihnen hat.

Dieter Thelen verlas Rückmeldungen, die der Flüchtlingsverein in der tagtäglichen Arbeit bekomme. „Wir sind zwar am Ende der Veranstaltung, aber am Anfang einer Bewegung“, sagte er und dankte den Teilnehmenden für das Kommen sowie der Polizei für ihre Arbeit. Zum Abschluss spielte Tonkomplex „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen. Während die Veranstalter von 1.500 Teilnehmenden sprechen, schätzte die Polizei 500 Teilnehmende. Nach Auswertung unserer Fotos schätzen wir, dass knapp 1.000 Teilnehmende bei Beginn realistisch sind. Im Laufe der zweistündigen Veranstaltung wurde die Teilnehmerzahl weniger, auch weil es immer wieder leichte Regenschauer gab, traten einige wohl früher den Heimweg an.

Teilnehmerin Karin Glasieski formulierte nach der Kundgebung einen großen Dank: „Ich wäre am liebsten auf die Bühne gegangen, um mich im Namen aller zu bedanken bei den Organisatoren. Sie haben sich zwar bei uns bedankt fürs Kommen, aber ich finde der Dank gebührt ihnen, dass sie es uns ermöglicht haben, hier zu sein und gegen Rechtsextremismus Flagge zu zeigen.“ Wie Thelen bei der Verabschiedung ankündigte, wird es zunächst bis zur Europawahl im Juni noch weitere Aktionen des neuen Aktionsbündnisses geben.

Rede-Manuskript von Bürgermeister Schultz:

Guten Morgen, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer!

Ich begrüße Sie und Euch alle ganz herzlich zur Kundgebung gegen Rechtsextremismus.

Es ist jedoch kein schöner Anlass, dass wir uns jetzt in großer Zahl versammeln.

Mit dem Erstarken der AfD wächst der Mut von Rechtsextremen, ihre menschenfeindlichen Ansichten auszusprechen und zu bewerben.

Nazis sprechen gerne davon, dass die gewählten Vertreter des Volkes Verräter sein, und nur sie für das Volk sprächen.

Ich freue mich, dass wir hier und jetzt allen Feinden unserer freien und demokratischen Gesellschaften zeigen, dass wir mehr sind!

Dass wir bunt sind, dass wir laut sind!

Das Volk, also WIR ALLE, ist der Souverän in diesem Land!

Unser Ministerpräsident Hendrik Wüst sagt: „Politische Ränder werden immer dann groß, wenn die politische Mitte Lösungen für Probleme nicht zustande bekommt.“ Das ist richtig. Kundgebungen oder Demonstrationen ersetzen keine gute Politik, aber es ist eben auch wichtig, denen, die von politischen Entscheidungen enttäuscht sind, zuzurufen: Die Feinde unserer Demokratie zu wählen, das ist niemals eine Alternative!

Es ist die Aufgabe von allen Gewählten mit bürgernaher Politik das Vertrauen in unseren Staat, in unsere Gesellschaftsordnung zurückzugewinnen. Da sind wir Demokraten alle gefordert. So klar wir uns heute von rechtsextremen Gedanken abgrenzen, so müssen wir auch die andere Seite überzeugen, dass ihr Weg falsch ist.

Ohne Zuwanderung lägen Handel, Dienstleistung, Industrie und Landwirtschaft am Boden. Wir brauchen Zuwanderung, wir brauchen Freiheit, Offenheit und Toleranz! Und noch einmal, niemand hier will die Herausforderungen unserer Gesellschaft kleinreden.

Ich bin aber auch vor allem hier, um Danke zu sagen! Ich bedanke mich ausdrücklich bei allen einladenden Organisationen: Sie bilden die Breite unserer Gesellschaft ab, Sie zeigen, wo wir stehen! Wir stehen in der Mitte, wir stehen für Freiheit, Demokratie, Toleranz und Offenheit!

Ich sage herzlichen Dank allen, die an der Organisation beteiligt waren, die heute hier mitwirken und sage herzlichen Dank Ihnen allen für Ihre Teilnahme!

Dieser Tag soll als Auftakt verstanden werden, als Wecksignal für uns alle, wachsam zu sein, engagiert einzuschreiten, wo sich Menschenfeindlichkeit zeigt.

Nicht still zu sein, wenn Stimmung gegen Geflüchtete gemacht wird, auch wenn Politiker wegen ihres Aussehens oder Gewichts verächtlich gemacht werden, schon da wird unser Wertesystem verletzt.

Der Anstand unter Demokraten gebietet es, dass man sich mit Achtung und Respekt begegnet. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieses Gebot gilt immer, überall, uneingeschränkt!

Ich möchte nun schließen mit der vom Rat mit den Stimmen von CDU, Bündnis ´90/Die Grünen, SPD, BmU, FDP und Die Linke beschlossenen Resolution:

Nachdem das Redaktionsnetzwerk Correctiv ein Geheimtreffen von AfD-Mitgliedern und Rechtsradikalen aufdeckte, bei dem unter dem verharmlosenden Begriff „Remigration“ nichts weniger als die Deportation von in Deutschland lebenden Menschen geplant wurde, breitet sich nun endlich breiter gesellschaftlicher Widerstand gegen die AfD und ihr rechtsextremes Netzwerk aus. Das Treffen in Potsdam warf ein weiteres Schlaglicht auf die AfD, die sich gerne bürgerlich gibt, aber in großen Teilen verfassungsfeindlich ist.

Der Rat der Stadt Erkrath unterstützt die Aktionen gegen den rechtsextremen Ungeist und ermuntert alle Erkratherinnen und Erkrather: Zeigen Sie Flagge gegen Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen mit Migrationshintergrund. Nehmen Sie an den Demonstrationen gegen Rechtsextremismus teil. Sprechen Sie darüber in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis. Niemand soll mehr wegsehen, wenn Menschen wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexuellen Orientierung, Behinderung, ihres Alters, oder Geschlechts diskriminiert werden.

Aus der Vergangenheit wissen wir, Demokratie braucht Demokraten, die nicht wegsehen, wenn Extremisten versuchen, das friedliche Zusammenleben in unserem Land, unsere Freiheit und unseren Wohlstand zu gefährden.

Nie wieder, das ist jetzt.

Die AfD und ihr rechtsextremes Umfeld fordern diese Demokratie heraus. Zeigen wir Hass und Intoleranz die rote Karte. In Erkrath ist kein Platz für rechtsextremistisches Gedankengut.

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