
Lehramtsstudium: Drei Monate Auslandsaufenthalt in Nordirland | Teil 2
Unser Autor Niklas Gründker hat im vergangenen Jahr im Rahmen seines Studiums drei Monate in Nordirland verbracht und seine persönlichen, subjektiven Erfahrungen in einem Bericht über diesen Auslandsaufenthalt zusammengefasst.
Gestern habe ich bereits von meiner Odyssee bis zur Organisation meines Auslandsaufenthaltes nach Nordirland berichtet. Nun möchte ich auf meine Zeit dort eingehen.
Zugegebenermaßen wusste ich vor meiner Ankunft nicht allzu viel über Nordirland, weshalb ich sehr froh war, dass Donna mir viel vom Land zeigen wollte. Ich verbrachte meine Zeit in der Grafschaft Antrim, also im Osten des Landes. Vom Haus aus konnte man in etwa einer halben Stunde zu Fuß das Ufer des Sees erreichen – eine Strecke, die zu meiner regelmäßigen Joggingrunde wurde.
Im Vergleich zur Großstadt Düsseldorf war es für mich zunächst ein kleiner Schock, dass der öffentliche Nahverkehr kaum nutzbar ist. Zwar fuhr ein Bus direkt vor dem Haus, dieser war jedoch im Wesentlichen für den Schulverkehr gedacht und eignete sich kaum für alltägliche Wege. Man war hier tatsächlich fast immer auf ein Auto angewiesen, das ich erst nach drei Wochen – ab meinem 21. Geburtstag – selbst fahren durfte.
Das Land selbst entschädigte jedoch für vieles: Durch das eher regnerische und deutlich kühlere Klima, das selbst im Hochsommer selten über 25 Grad Celsius steigt, ist Nordirland unglaublich grün. An manchen Stellen wirkt es tatsächlich wie aus einer stereotypen Werbung für irische Weidebutter.
Ausflüge, bei denen ich Nordirland ein wenig kennenlernte
Der erste Ausflug führte mich mit Donna, einer Freundin von ihr und ihrer Mutter nach Portrush, einem kleinen Küstenort, der durch seine Klippen und die beeindruckende Küstenlandschaft verzaubert. Bekannt ist der Ort auch durch seine Golfplätze direkt am Meer, auf denen in diesem Jahr „The Open“ stattfand. Nach einem Spaziergang am Meer und einem Mittagessen – bei dem ich mich traditionell für Fish and Chips, also Backfisch mit Pommes, entschied – spazierten wir weiter an der Küste entlang und bewunderten das türkisfarbene Meer und die einladenden Strände.


Ein zweiter Ausflug führte mich mit Donna und ihrer Mutter nach Murlough Bay. Diese Bucht liegt versteckt unterhalb der hohen Küstenlinie, und durch das klare Wetter an diesem Tag konnte man am Horizont Schottland erkennen. Das Wetter war ausgezeichnet, und wir gingen sogar mit den Füßen ins Meer. Nirgendwo zuvor hatte ich einen so malerischen und zugleich so privaten Ort erlebt. Von dort aus fuhren wir weiter entlang der Torr Route, einer szenischen Straße oberhalb des Meeres mit beeindruckendem Panorama. Nach einer kurzen Pause in einem kleinen Ort, einem Höhlenbesuch und einem Bier im Pub ging es abends wieder nach Hause. In einer WhatsApp-Gruppe versorgte ich meine Familie nach solchen Tagen stets mit Bildern, damit sie wussten, dass es mir gut ging.



Nordirische ‚Schulluft‘ geschnuppert
Doch auch abseits der Ausflüge wurde mir – selbst ohne Auto – nicht langweilig. Zu meinem großen Glück arbeitet eine Schwester von Donna an der örtlichen Grundschule, die etwa 30 Minuten zu Fuß vom Haus entfernt liegt. Sie bot mir an, bei Veranstaltungen zu unterstützen und die Schule in Nordirland kennenzulernen. Bei dieser Gelegenheit stellte sie mich auch der Schulleiterin vor, die mich zu weiteren Veranstaltungen einlud und vorschlug, ich könne auch im Unterricht unterstützen und den Kindern Fragen zu mir und zu Deutschland beantworten. Anders als in Nordrhein-Westfalen umfasst die Grundschule in Nordirland die ersten sieben Schuljahre. Auch an meinem 21. Geburtstag war ich in einer fünften Klasse eingeladen, um zu helfen. Zu meiner Überraschung hatten sich die Kinder etwas Besonderes einfallen lassen: Sie überreichten mir eine große Karte, in die jedes Kind einen kleinen Gruß – sogar auf Deutsch – geklebt hatte. Zudem wurde in der Pause ein Kuchen angeschnitten und mein Geburtstag gefeiert. Eine Herzlichkeit, die mich nachhaltig beeindruckt hat.


Im Juli begannen die Sommerferien, sodass die Schule für mich wegfiel. Neben meinen Aufgaben für die Universität, die ich fleißig weiterverfolgte, übernahm ich viele Aufgaben im Haushalt, machte die Wäsche, kochte für die Jungs und versuchte, jeden zweiten Tag joggen zu gehen, um mich fit zu halten. Rückblickend habe ich insbesondere im zweiten Monat weniger Möglichkeiten genutzt, um noch mehr vom Land zu sehen. Je näher jedoch das Ende meines Aufenthalts rückte, desto wichtiger wurde es mir, Nordirland weiter zu erkunden.
Belfast
Da Linda an zwei Tagen in der Woche auch in Belfast arbeitete, nahm sie mich netterweise einmal mit in die Stadt und fuhr mich an einem anderen Tag wieder nach Hause. Für diesen Tag hatte ich mir einen festen Plan gemacht und startete im Titanic Quarter, wo ich zunächst das inoffizielle Nationalgericht des Vereinigten Königreichs probierte: einen Meal Deal. Für einen Festbetrag ab drei Pfund kann man sich im Supermarkt ein Getränk, einen Snack und eine Hauptspeise – meist ein Sandwich – aussuchen. Wie der Name bereits vermuten lässt, befinden sich im Titanic Quarter die Docks, in denen die Titanic zwischen 1909 und 1911 gebaut wurde. Anhand von Markierungen im Boden lässt sich die tatsächliche Größe des Schiffes nachvollziehen, ebenso wie die Überlebensquoten der Passagiere.


Vom Hafen aus ging es weiter ins Stadtzentrum. Ohne es vorher zu wissen, hatte ich mir ausgerechnet den Tag der Pride Parade ausgesucht – dem Pendant zum Christopher Street Day. Bunte Wagen in Regenbogenfarben zogen wie bei uns an Karneval durch die Straßen, und die Stadt war entsprechend voll. Um neue Energie zu tanken, besuchte ich am Nachmittag die „Black Box“. Für einen Eintritt von fünf Pfund konnte ich dort zwei Stunden lang ein Open-Mic-Comedy-Programm verfolgen, bei dem jede und jeder auftreten durfte. Auch wenn mir das Verständnis aufgrund kultureller Anspielungen teilweise schwerfiel, tat die Pause gut und half mir, mich vom vielen Laufen zu erholen.
Nordirland ist zudem ein beliebter Drehort für „Game of Thrones“, was sich auch in Belfast widerspiegelt: An vielen Orten finden sich Glas-Kunstwerke, die Szenen aus der Serie darstellen. Insgesamt war ich während meines Aufenthalts viermal in Belfast und entdeckte immer neue Ecken der Stadt. Der Botanische Garten mit seinem großen Gewächshaus und Rosengarten diente mir bei einem weiteren Besuch als Ort der Ruhe, und auch das kostenfreie Ulster Museum war sehenswert. An einem Abend lud mich Linda sogar zu einem Theaterbesuch ein.
Dublin
Natürlich wollte ich nicht nur Nordirland sehen. Wenn ich schon einmal auf der Insel war, wollte ich auch nach Dublin reisen. Mit dem Zug konnte man von Antrim aus in etwa 90 Minuten dorthin fahren; für Studierende kostete das Ticket für Hin- und Rückfahrt lediglich 20 Euro. Früh morgens machte ich mich auf den Weg, stellte das Auto auf einem Park-and-Ride-Parkplatz ab und fuhr los. Dank eines Sitzplatzes mit Tisch und stabilem WLAN nutzte ich die Fahrt durch die beeindruckende Landschaft – teils direkt am Meer entlang – sogar zum Arbeiten für die Universität. In Dublin erkundete ich die Stadt zu Fuß: Parks, Kirchen, historische Gebäude, Museen und die Universität. Mir persönlich gefiel Dublin sehr gut, auch wenn ich nur wenige Stunden Zeit hatte. Vor der Rückfahrt gönnte ich mir noch Fish and Chips in einem Pub sowie ein Guinness – schließlich hat die Brauerei dort ihren Sitz.
Dublin sollte jedoch nicht mein einziger Aufenthalt in Irland bleiben. Meine Hostfamilie plante einen kurzen Sommerurlaub in Dungloe im Norden des Landes. Bei bestem Wetter verbrachten wir die Tage am Strand und gingen schwimmen. Auf einer kleinen Insel, die nahezu ausschließlich aus einem großen Golfplatz bestand, hatten wir einen schier endlosen Sandstrand für uns allein – eine unvergessliche Erinnerung.
Erlebnisse und Orte, die in Erinnerung bleiben

Wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, schwirren mir unzählige schöne Momente durch den Kopf. Während meines Aufenthalts feierten wir auch den runden Geburtstag meiner Host-Mama. Auf ihren Wunsch hin besuchten wir ein riesiges Sonnenblumenfeld und ließen den Abend in gemütlicher Runde mit Essen ausklingen. An einem anderen Abend fuhr ich spontan mit einem der Jungs und seiner Gitarre ans Meer, wo uns ein atemberaubender Sonnenuntergang erwartete. Zwei Schwestern von Donna nahmen mich an einem weiteren Tag mit an einen anderen Strand, von dem aus wir einen Blick auf den Mussenden Temple hatten – eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Nordirlands.
Auch der bereits erwähnte Theaterbesuch hinterließ Eindruck: Das Stück behandelte die Geschichte Nordirlands und thematisierte ein Gefangenenlager aus der Zeit der Unruhen. Ein ausgesprochen spannender Einblick in ein Land, das mir zuvor fremd gewesen war. Ein weiterer kultureller Ausflug führte mich zum Seamus Heaney Homeplace, einem Museum über den Literaturnobelpreisträger, der über mehrere Ecken mit meiner Hostfamilie bekannt war.
Besonders gern denke ich an einen Abend zurück, an dem ich – um wenigstens eine Kleinigkeit zurückzugeben – ein italienisches Drei-Gänge-Menü für meine Hostfamilie kochte. Selbstgebackenes Brot mit Dips, frische Pasta mit geschmortem Ragù und ein Tiramisu zum Dessert sorgten nicht nur beim Kochen, sondern auch beim gemeinsamen Essen für einen sehr besonderen Abend.

Zum Ende meines Aufenthalts kam mich auch meine Freundin besuchen. Eine Woche lang konnte ich ihr meine Heimat der vergangenen drei Monate zeigen und ihr die vielen Menschen vorstellen, die ich kennengelernt hatte. An unserem letzten gemeinsamen Tag, bevor es – wieder über Edinburgh – zurück nach Deutschland ging, fuhren wir noch einmal gemeinsam ans Meer und verbrachten den Tag auf einer Kirmes. Anschließend hieß es Abschied nehmen, denn Donna und die Jungs blieben noch vor Ort in einem Caravan, während wir am nächsten Morgen zum Flughafen aufbrachen.
Wahrscheinlich habe ich nicht einmal die Hälfte all der schönen Momente beschrieben, die ich in diesen drei Monaten erleben durfte. Noch heute muss ich lächeln, wenn ich daran zurückdenke. Es gibt viele Menschen, denen ich dankbar bin – allen voran Donna und ihren Jungs, die meine Zeit so unvergesslich gemacht haben. Diesen Text möchte ich daher mit einem Appell schließen: Solche Chancen, wie ich sie in diesem Sommer ergriffen habe, sind einmalig und sollten nicht ungenutzt bleiben. Ich habe nicht nur viel über die Sprache, sondern auch über mich selbst gelernt und kann daher nur dazu ermutigen, den Sprung ins Ungewisse zu wagen. Ich hätte es bereut, es nicht getan zu haben.





Hinterlasse jetzt einen Kommentar