Zeitzeugin Ruth Weiß zu Besuch in der Realschule Hochdahl

Mit 97 Jahren nicht zu Müde jungen Menschen zu vermitteln was Ausgrenzung anrichtet. Ruth Weiß. Foto: Susann Krüll

Tief beeindruckt ließ die 97-jährige Ruth Weiß drei Klassen der 9. und zwei Klassen der 10. Jahrgangsstufe der Realschule Hochdahl zurück. Sie hatten zwei Geschichtsstunden mit einer Zeitzeugin erlebt.

In seiner Begrüßung hatte Schulleiter Uwe Heidelberg den Jugendlichen prophezeit, dass sie „heute etwas Einzigartiges“ erleben würden, „das lange nicht allen Schulen vergönnt ist.“ Die 1924 geborene Journalistin und Autorin Ruth Weiß war zu Besuch. Dass Weiß, die sich selbst als Zeitzeugin und nicht als Überlebende der Nazi-Diktatur bezeichnet, die Realschule Hochdahl besuchte, kam durch Heidelbergs Beziehungen zu einer Kollegin an der Schule in Tönisvorst zustande, an der er zuvor unterrichtete. „Meine Ex-Kollegin ist mit Ruth Weiß befreundet und sie hat uns den Weg geebnet für die Anfrage zu dieser Veranstaltung,“ verriet er im Vorfeld. So kam es, dass am vergangenen Dienstagvormittag auch die Realschule in Hochdahl einer der Stopps war, die Ruth Weiß und ihr Lektor Lutz Kliche auf ihrer diesjährigen Lese- und Vortragsreise einlegten. Seit 2018 unternimmt das Duo, das sich seit mehr als 40 Jahren kennt, zusammen diese Touren. „Als junger Lektor hatte ich die Ehre, mit Ruth zusammen ihre Autobiografie zu verfassen“, erzählt Kliche auf die Frage, wie lange er mit der im fränkischen Fürth aufgewachsene Jüdin bereits befreundet sei. „Zu dieser Zeit lebte Ruth in London. Für mich als jungen Lektor war es ganz schön aufregend, zu den Terminen dorthin zu fliegen. Das war damals noch was ganz Besonderes,“ so der Journalist und Literaturagent. „Ruth schreibt schneller als ich Korrekturlesen kann. Wenn ich an einem Kapitel ihrer Biografie etwas auszusetzen hatte, sagte sie ‚okay‘ und verschwand in die Küche. Dann hörte ich sie die Schreibmaschine bearbeiten und sie war superschnell zurück mit der neuen Fassung.“ Diese Anekdote war nur eine der persönlichen Stationen aus dem bewegten Leben von Ruth Weiß, die die jugendlichen Zuhörer und ihre Lehrkräfte in der gut zwei Schulstunden dauernden Veranstaltung erfuhren.

Das abrupte Ende einer glücklichen Kindheit

Ruth Weiß
Foto: Susann Krüll

„Ihr müsst Euch vorstellen, dass vor der Machtübernahme durch Adolf Hitler und seiner NSDAP jeder fünfte Einwohner Fürths jüdisch-stämmig war. Schon seit dem 30-jährigen Krieg war dies in Süddeutschland die Stadt mit der größten jüdischen Gemeinde. Bis 1933 saßen auch jüdische Bürger im Stadtrat, sie dienten bei der Feuerwehr, sie waren gleichberechtigt. Fürth war ein Ort jüdischer Gelehrsamkeit. Es gab eine Jeschiwa,“ machte Weiß ihren jugendlichen Zuhörern klar, wie sich die Umgebung vorstellen konnten, in der die junge Ruth zusammen mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester aufgewachsen war. Als Lutz Kliche merkte, dass „Jeschiwa“ den Jugendlichen nichts sagt, gab er kurz die Erklärung, dass dies ein Ort sei, wo Studenten die Heilige Schrift des Judentums, die Thora, studieren könnten. Dieses Wechselspiel sollte im Laufe des Vormittags noch öfter erfolgen  und den Vortrag so lebendig halten. Das sei ihr wichtig, wie Ruth Weiß im Interview vorher verriet. „Ich möchte die jungen Leute ja nicht langweilen mit etwas, was sie schon wissen. Daher möchte ich wissen, ob und auch was sie im Unterricht schon über die Nazi-Zeit erfahren haben,“ so die beeindruckende Dame, die sich auf ihre jungen Zuhörer gut einlassen kann.  

„Mein Vater hat in Nürnberg in der Spielwaren-Industrie gearbeitet. Wir sind aus Fürth, wo meine Großeltern lebten, in ein Dorf näher an Nürnberg herangezogen, damit mein Vater mit dem Zug zur Arbeit fahren konnte,“ erzählte die Journalistin und Autorin, die sich nach Sachbüchern zur Apartheid in Afrika in den letzten Jahren dem Schreiben von Romanen verlegt hat. Sie sei in die Dorfschule gegangen, in der vier Klassen in einem Raum von nur einem Lehrer unterrichtet worden seien. Wie sich das ändern sollte, nachdem im Januar 1933 die NSDAP zur stärksten Partei gewählt worden war, das las Lutz Kliche aus der Autobiografie von Ruth Weiß vor.  Zu diesem Zeitpunkt war sie achteinhalb Jahre alt. Die Jugendlichen erfuhren, dass von einem auf den anderen Tag, Ruth allein in der Bank saß, ihre Mitschüler nicht mehr mit ihr redeten, der Lehrer sie übersah, wenn sie sich meldete. Auch ihre vier Jahre ältere Schwester, die in Fürth auf die weiterführende Schule ging und nur am Wochenende nach Hause kam, musste diese Erfahrung machen. War sie von den Dorfjungen umschwärmt worden, die ihr sonst an den Wochenenden das Gepäck vom Zug nach Hause trugen, bewarfen sie sie jetzt mit Dung und verhöhnten sie.

Die Familie zog dann erst zunächst den Großeltern nach Fürth. 1993 nahm der Vater eine Einladung seines Onkels an, der nach Südafrika ausgewandert war. „Mein Vater hatte seinen Job verloren, nachdem im April 1933 das ‚Gesetzt zur Wiederherstellung des Deutschen Berufs‘ erlassen wurde. Denn es zog ein Berufsverbot für die jüdische Bevölkerung nach sich. In Franken war ein glühender Hitler-Gefolgsmann Gauleiter und alles, was von Hitler und seinen Schergen beschlossen wurde, setze er direkt um,“ so Ruth Weiß weiter, der man jetzt noch anmerkt, wie sie die Schnelligkeit, mit der die Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung umgesetzt wurden, noch immer mitnimmt. Bevor sie weitererzählte, erklärte Kliche noch, was ein „Gau“ war. Ein weiteres eindrückliches Beispiel, wie Jüdinnen und Juden diffamiert wurden, erzählte Weiß danach: „Wir Kinder konnten ab da nicht mehr allein auf die Straße gehen, immer nur mit den älteren Schülern oder Referendaren. Die waren schon fertige Lehrer, fanden aber ja keine Arbeit mehr. Einer dieser Referendare wurde nach Dachau, in das erste Konzentrationslager in Bayern, deportiert und ist dort auch umgebracht worden. Mein Großvater, ein ultraorthodoxer Jude, wurde einmal überfallen, als er vom Fleisch schächten lassen zurückkam.“ Auch hier sprang Kliche wieder ein und erklärte, dass dies die rituelle Art des Schlachtens sei, die auch Menschen muslimischen Glaubens pflegen. Weiter ging es mit einer Anekdote von einem Ausflug nach Nürnberg, den Ruth mit ihrer Mutter unternahm. „An uns gingen Pimpfe, die Jüngsten in der Hitlerjugend, vorbei und sangen das ‚Horst-Wessel-Lied‘. Da heißt es in einer Zeile: Wenn das Judenblut vom Messer spritzt,“ berichte Ruth Weiß, die den Jugendlichen eindringlich klar machte, welches Menschenbild da schon den Jüngsten vermittelt wurde.

Bevor es weiter zur Zeit der Emigration ging und was die Familie in Südafrika erlebt, war Zeit für die von den Jugendlichen vorbereiteten Fragen. Eine lautete: „Wie sehen Sie den Unterschied zwischen Deutschland damals und heute?“ Ruth Weiß wenig positive Einschätzung lautete: „Das Deutschland, das ich verlassen habe, ist nicht mehr vorhanden. Heute ist hier eine Menschenfeindlichkeit entstanden. Es geht gegen alles, was von draußen kommt. Ich empfinde das als außerordentlich erschreckend. Ich hoffe, dass Ihre Generation sagt, das geht nicht. Jeder Mensch hat Rechte. Dieser Gedanke ist leider nicht wirklich verinnerlicht von der großen Mehrheit,“ so ihr ungeschminkter Eindruck. Dieser ließ sie in den 90er Jahren, als sie für drei Jahre als Journalistin bei der Deutschen Welle arbeitete, das Land dann auch wieder verlassen: „Es gefiel mir nicht, wie die Aufarbeitung der Nazi-Zeit da angegangen wurde.“ Aber auch in Südafrika habe sie antisemitische Erfahrungen machen müssen, so ihre Antwort auf die Frage, wie sie den Ausbruch des 2. Weltkriegs erlebt habe. „Es war eine Erleichterung, dass Südafrika sich auf die Seite der Alliierten gestellt und Deutschland den Krieg erklärt hat.“

Ruth Weiß Zeit in Südafrika und der Kampf gegen die Apartheid  

Im zweiten Teil der Veranstaltung nahm Ruth Weiß die Schülerinnen und Schüler mit auf ihre Auswanderung nach Südafrika. „Durch die lange Reise mit dem Frachter von Southampton von einem Hafen zum nächsten Hafen, haben wir schon viel von Afrika kennengelernt auf der Reise,“ kehrte Weiß gedanklich zurück in die monatelange Reise mit Mutter und Schwester in der 3. Klasse im Unterdeck. „Immer wieder nahm unser Kapitän auch Afrikaner mit, die zu einem der nächsten Häfen reisen wollten. Diese haben dann mit uns Flüchtlingen das Essen geteilt, was sie sich zubereiteten. Wir Kinder haben mit den afrikanischen Kindern gespielt. Daher dachten wir, wir würden in einem afrikanischen Land leben und seien gut vorbereitet,“ so Ruth Weiß, die bei der Ankunft in Südafrika feststellen musste, dass „wir in ein europäisches Land gekommen waren“. In Johannesburg hatte ihr Vater einen Laden eröffnet. Hier erfuhren sie direkt nach ihrer Ankunft, was Diskriminierung und Ausgrenzung in ihrer neuen Heimat bedeute: Sie hätten Besuch von ihrem neuen Hausmädchen Jenny bekommen und sie und ihr Baby auf der Terrasse empfangen. Ruth und ihre Schwester hätten mit dem Baby gespielt und es auch auf den Arm genommen. Am kommenden Tag hätten sie Besuch von drei Damen aus der Gesellschaft von Johannesburg erhalten, die ihnen unmissverständlich zu verstehen gegeben hätten, dass dies kein angemessenes Verhalten gegenüber der farbigen Bevölkerung sei. Bereits seit dem 30-jährigen Krieg, während dessen viele Deutsche und französische Hugenotten hierher ausgewandert waren, hatte sich eine „Sklavengesellschaft“ und „die erniedrigende Haltung gegenüber den Sklaven“ verfestigt. „Söhne von Arbeitern wurden plötzlich zu Herren“, so Ruth Weiß‘ Urteil. Als die so genannten Buren, eigentlich Bauern, die Nachfahren der weißen Bewohner des Kaps, ins Landesinnere auswanderten, habe sich die „Ideologie vom weißen Blut“ verfestigt. Eine Vermischung mit der schwarzen Bevölkerung war in allen Bereichen strengstens verboten. Die Apartheid, die Rassentrennung, war geboren. Gegen diese engagierte sich Ruth Weiß als Journalistin aktiv in Südafrika. Sie musste das Land schließlich verlassen, um nicht inhaftiert zu werden wie Nelson Mandela, den sie kurz vor seiner Inhaftierung noch interviewen konnte. Sie lebte dann lange Jahre in Simbabwe und arbeitete dort als Journalistin für u. a. englische und deutsche Zeitungen.

Da die zwei Schulstunden sich bereits dem Ende zuneigten, forderte Ruth Weiß die Jugendlichen auf, weitere Fragen zu stellen. Auf die, wie sie ihr Leben in einem Wort zusammenfassen würde, lautete die prompte Antwort: „Kompliziert“. Wie sie denn auf die Idee gekommen sei, Bücher zu schreiben, antwortete die beeindruckende Frau: „Ich habe schon als Kind meiner Schwester Geschichten erzählt. Dann bin ich Journalistin geworden und von da war der Schritt zur Autorin nicht mehr weit.“ Ihr Thema seien immer die Menschenrechte und der Kampf gegen Unterdrückung gewesen, denn sie habe als jüdisches Kind in Nazi-Deutschland selbst Ausgrenzung erfahren und in Südafrika später erleben müssen, wie die zahlenmäßig viel größere, farbige Bevölkerung durch die weiße, eingewanderte Minderheit unterdrückt und ausgegrenzt wurde.

Viel Applaus und Nachdenklichkeit  

Nicht nur Uwe Heidelberg bedankte sich im Namen der Lehrer- und Schülerschaft bei Ruth Weiß und Lutz Kliche für diese außergewöhnliche Erfahrung: „Ich bin sicher, Ihr werdet Euch an diesen Vormittag noch sehr lange erinnern.“ Auch Ruth Weiß dankte den Jugendlichen für ihre Aufmerksamkeit und ihre klugen Fragen. Zwei, die diese für ihre Klasse, die 9c, stellen durften, waren Klassensprecherin Snow White, 14 Jahre, und ihr gleichaltriger Klassenkamerad Hamza. „Sehr krass vor so vielen Kindern zu sprechen. Das würde nicht jeder auf sich nehmen, um uns davon zu berichten, was sie erlebt hat“ so das Urteil über die 97-Jährige aus dem Munde von Snow White, die sich über ein paar Mitschülerinnen und Mitschüler geärgert hatte, die nicht die ganze Zeit aufmerksam waren. „So eine Gelegenheit bekommt man ja nicht wieder.“ Mitschüler Hamzi’s Urteil fiel so aus: „Es war toll, von einer Zeitzeugin zu erfahren, was damals passiert ist.“ Auch der Geschichtslehrer der Klasse 10b, Vladimir Platonow, war nach der Veranstaltung tief beeindruckt von Rut Weiß und lobte seine Schülerinnen und Schüler: „Es war toll, wie aufmerksam sie waren. Ich bin gespannt auf die Nachbesprechung im Unterricht.“ Ruth Weiß und ihr Lektor Lutz Kliche werden auf ihrer Lesereise sicher noch zahlreiche Jugendliche für die Themen „Unterdrückung und Ausgrenzung“, nicht nur zur Zeit der NSDAP-Schreckensherrschaft in Deutschland oder der Apartheid in Südafrika sensibilisieren.
Ende des Jahres kehrt die 97-jährige nach Jütland zurück, wo sie mit ihrem Sohn und dessen dänischer Frau lebt. „Ich merke schon, dass es mich mehr anstrengt, zu reisen und solche Veranstaltungen zu halten. Ich brauche länger, um mich dazwischen zu erholen,“ verriet sie unsere Redaktion im Gespräch. Wir wünschen Ruth Weiß viel Kraft für ihre weiteren Projekte, ob es Bücher oder Vortragsreisen sind, und in diesen Zeiten natürlich auch viel Gesundheit.

Info
Weitere Informationen zu Ruth Weiß, finden sich auf ihrer Website www.ruthweiss.net (auf Englisch) sowie auf der Website der Ruth-weiß-Gesellschaft, www.ruth-weiss-gesellschaft.de.
Lesetipp: Ruth Weiß: „Meine Schwester Sara“ (Roman) und die Autobiografie „Wege im harten Gras“.

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