Neanderhöhe: Chance oder unkalkulierbares Risiko?

von Ria Garcia

Neanderhöhe August 2023. Foto: RG

In der heutigen Sitzung des Haupt- und Finanzausschuss stand die Erschließung der Neanderhöhe auf der Tagesordnung.

„Die Erschließungskosten sind keine erfreuliche Nachricht“, begann Bürgermeister Christoph Schultz den Beratungspunkt. „Wer aber sagt, dass seit Jahren nach Unternehmen gesucht wird, die sich dort ansiedeln, der irrt“, erinnerte er noch einmal an die zeitlichen Abläufe. Wer sage, dass man sich um Leerstände kümmern müsse, der habe Recht, ergänzte er. Führte aber aus, dass das auch geschieht und es längst nicht mehr so viele Leerstände gäbe, wie die meisten denken. „Die Neanderhöhe ist nötig.“ Er führte noch Beispiele aus Unterfeldhaus an. Zwar sei das leer stehende Flamme Gebäude noch nicht wieder vermarktet, aber es hätte schon Interessenten gegeben und es gäbe sie auch aktuell. Ein Möbelhaus werde es wohl nicht mehr werden, aber es wäre ja beispielsweise auch ein Rechenzentrum möglich. Die Gewerbesteuereinnahmen seien auf Rekordhöhe und das sei wichtig für die Stadt. (Anm. d. Redaktion: Kämmerer Thorsten Schmidt hatte sie zuvor mit 29,3 Mio. unter Berichte der Verwaltung angegeben.) Umso wichtiger sei es auch die Neanderhöhe nun zu erschließen und zu vermarkten.

Der FDP geht es nicht schnell genug voran

„Das hätte viel, viel eher passieren müssen“, bemängelte Ralf Lenger von der FDP, dass die Neanderhöhe „nicht Chefsache“ war. Er sei sich fast sicher, dass bis zur kommenden Kommunalwahl immer noch nichts geschehen werde. Die Verwaltung hinke auch seiner Sicht hinterher. „Da müssen Profis ran.“ Dennoch bemängelte er, dass mit der bei der Erschließung festgelegten Straßenführung die mögliche Größe der Grundstücke festgelegt werde, was einschränkend sei. Jetzt zu planieren und Rohrleitungen zu verlegen sei aus seiner Sicht okay.

„Es ist interessant, dass Sie die Verwaltung nicht in der Lage sehen, zeitnah zu handeln. Die Politik beschäftigt sich seit mindestens dem Jahr 2000 mit der Neanderhöhe, das war noch vor meiner Zeit“, machte Kämmerer Thorsten Schmitz ihn darauf aufmerksam, dass letztendlich die politischen Entscheidungen oder auch nicht getroffenen Entscheidungen auch immer wieder verzögern. In jüngerer Zeit seien es dann die archäologischen Untersuchungen und die ausstehende Entscheidung zum Bürgerbegehren und der Frage ob Erbpacht oder Kauf in Frage kommen, die die Vermarktung weiter verzögert hätten. Bisher sei nur ein Unternehmen bereit gewesen sich auch unter der Bedingung der Erbpacht anzusiedeln. „Deshalb trete ich dem Vorwurf von Herrn Lenger entschieden entgegen.“ Die Vermarktung sei nicht möglich, wenn das Gelände nicht modelliert sei und die Erschließungsstraßen nicht fertiggestellt seien. „Was glauben Sie, wie die Preissteigerung ist?“, machte er deutlich, dass Verzögerungen teuer sind. Vincent Endereß, Fachbereichsleiter Wirtschaftsföderung, ergänzte, dass bei der Anlegung der Trasse für die Erschließungsstraße noch keine Grundstückseinfahrten angelegt werden, sodass Interessenten auch zwei Grundstücke nebeneinander nutzen können, zu denen dann später nur eine Einfahrt angelegt werde.

Detlef Ehlert (SPD) stimmt den Aussagen von Thorsten Schmitz und Vincent Endereß zu 100 Prozent zu. „Wir waren früher für das Industriegebiet Neanderhöhe, haben dann nach Absprache mit den Grünen die Bebauungsplanung nicht weiter mitgetragen“, erinnert er daran, dass auch die SPD in der Vergangenheit zu unterschiedlichen Einschätzungen gekommen sei. „Wir sollten die Neanderhöhe endlich der Realisierung zuführen“, plädierte er dafür, die Entscheidungen nun mitzutragen. „Da kann man bauen und da sollte man bauen.“ Die Erschließungspreise seien zwar heftig, aber das würde künftig nicht besser. „Ob man die Erbpachtlösung aufrecht erhalten kann, bezweifle ich.“ Einer Sperre für die Mittel zur Erschließung befürworte die SPD nicht.

In der Vorlage der Verwaltung dargestellte Erschließungsstraße.

Neanderhöhe wird uns nicht retten

„Die heute Diskussion über den Haushalt zeigt in aller Stärke, warum wir steuerstarke Unternehmen in Erkrath brauchen. Die Neanderhöhe wird uns aber nicht retten“, verspricht sich Bernhard Osterwind (BmU) von der Erschließung der Neanderhöhe nicht den großen Wurf. Bei der Abwägung der BmU hätten die gravierenden Folgen der traditionellen Landwirtschaft auf das Naturschutzgebiet und die ökologischen Standards für das geplante Areal eine Rolle gespielt. An Ralf Lenger adressierte er: „Dann beschließen Sie noch einmal komplett den Bebauungsplan. Herzlichen Glückwunsch.“ Gemeint waren die Auswirkungen, wenn die Erschließungsstraßen nicht wie vorgesehen angelegt würden. Eine Gefahr sieht er in der aktuellen Eintrübung der Konjunktur und darin, dass andere Städte sich längst massiv aufgestellt hätten, um Gewerbe anzuziehen. „Ich halte es für hochriskant jetzt 5 Mio. zu investieren. Ich erinnere daran, dass das Bessemer Feld 15 Jahre lang brach lag.“ Aus seiner Sicht sollte die Erschließung mit dem ersten Investor einhergehen. „Irgendwann kommt die Nachfrage auch wieder.“

Bebauung widerspricht dem Klimaanpassungskonzept

Peter Knitsch (Grüne) zeigte sich enttäuscht vom Wandel der BmU. Er beantragte eine Sitzungsunterbrechung, um den von der Naturschutzgemeinschaft (NSG) Neandertal anwesenden Archäologen Wolfgang Heuschen zu Wort kommen zu lassen. Außerdem führt er zwei Aspekte an, die aus seiner Sicht gegen die Bebauung sprechen: Zum einen rufe die Landesregierung dringend dazu auf von weiterer Versiegelung abzusehen „Wir tragen hier in Erkrath maßgeblich zur weiteren Versiegelung bei“ und zum anderen „widerrspricht die Neanderhöhe unserem eigenen Klimaanpassungskonzept“. Außerdem entspräche die Kostensteigerung von 2 Mio. auf 5 Mio. Euro nicht der allgemeinen Preissteigerung, sie betrüge hier 150 Prozent. „Da wurde in der Vergangenheit falsch kalkuliert“, mutmaßt er. „Hinzu kommen noch jedes Jahr 100 Tsd. Euro zusätzlich an Zinsen. Bevor wir das Geld wieder reingeholt haben, liegen wir bei 7 bis 8 Mio. Euro Kosten. „Das wird sich nicht amortisieren.“

„Das alles haben wir schon zigmal gehört. Wir als CDU waren immer diejenigen, die sich für die Entwicklung der Neanderhöhe ausgesprochen haben“, meldete sich Wolfgang Jöbges von der CDU zu Wort. „Keiner kauft Grundstücke oder pachtet sie, wenn sie nicht erschlossen sind. Wir sind sicher, dass sich die Grundstücke mit der Anbindung an die S-Bahn und dem Schwimmbad in der Nähe problemlos vermarkten lassen.“

Markus Lenk (Die Linke) bezweifelt ebenfalls, dass sich die Grundstücke vermarkten lassen. „Die 5 Mio. fehlen uns im Haushalt.“ Deshalb werde die Linke nicht zustimmen und zusehen „Wie das Geld verbuddelt wird“.

Chancen durch gute Internetanbindung?

Peter Sohn von der BmU spricht einen anderen Aspekt an. Mit Blick auf den neuen Microsoft Standort in Bergheim und Bedburg in NRW möchte er wissen, wie die Internetanbindung geplant sei. „Microsoft hat sich dort nicht wegen einer Gigabyte Anbindung interessiert, sondert wegen der Terabyte Anbindungsmöglichkeit.“ Er will wissen, was sich hier in Erkrath machen lässt, da die Kernknotenpunkte der Internetanbindungen von Wuppertal und Düsseldorf in der Nähe liegen. (Anm. d. Red.: Der nächste internationale Netzknoten befindet sich in Düsseldorf.) Bei der Frage Kaltluftschneise contra Wärmeabstrahlung könne man bedenken, dass sich die Wärmeabstrahlung für die Fernwärme nutzen ließe.

Vincent Endereß antwortet ihm, dass der Zeit noch gar keine Internetanbindung am Standort sei, man aber eng mit den Stadtwerken kooperiere. Auch die notwendige Stromanbindung sei in einem solchen Fall eine Herausforderung. Fragen, die man erst abschließend klären könne, wenn konkrete Anforderungen vorlägen. Der Idee einer ‚Microsoft Ansiedlung‘ nahm er gleich den Wind aus den Segeln: „Bei der Ansiedlung in Bergheim und Bedburg handelt es sich um ein Areal von 38 Hektar.“ Die Marktlage sei aber viel besser geworden, weil Microsoft sich in NRW ansiedle und viele andere Unternehmen aus dem Bereich anziehen würde. Wenn der Rat die Ansiedlung von IT Unternehmen wünsche, bittet er darum die Beschlüsse dahingehend zu konkretisieren.

Sitzungsunterbrechung

Schließlich kam auch Wolfgang Heuschen zu Wort. Er hatte als Archäologe von Beginn an damit gerechnet, dass es auf der Neanderhöhe Funde geben würde, entgegen der Prognosen von der Denkmalschutzbehörde. „Siehe da, es gab eine eisenzeitliche Siedlung.“ Aufgrund der Topografie des Geländes und der Nähe zu den steinzeitlichen Funden vermutet er auch auf der Neanderhöhe mögliche Reste aus der Steinzeit. Nach der Planierung des Geländes werde man diese nicht finden. Die Untersuchung habe sich nur auf die Eisenzeit bezogen. Steinzeitliche Funde sind aber erst in tieferen Sedimentschichten zu erwarten, gab er zu bedenken. „Wenn hier schon so massive Bodeneingriffe erfolgen, sollte man auch schauen“, wünscht er sich.

Wiedereintritt in die Sitzung

Bernhard Osterwind erinnert daran, dass es die Bedenken von Wolfgang Heuschen waren, die schließlich zum Beschluss der archäologischen Untersuchung geführt haben. Es sei typisch für eine Abwägung, die der Rat treffen müsse. Jetzt stelle sich die Frage nach der Tiefe. Bei den geplanten Arbeiten sei ein Archäologe ständig vor Ort. Bei den Bodeneingriffen würden die Sedimentbereiche der Flugsande und des Löß betroffen sein, die jünger als der Neandertaler seien. „Diese Mengen und Tiefen zu untersuchen wäre das Aus für das Projekt gewesen“, argumentiert er, dass mehr nicht möglich gewesen sei. „Das eine Voruntersuchung stattgefunden hat, ist Ihren Anregungen zu verdanken“, richtet er seine Worte an Heuschen.

Peter Knitsch entgegnet, dass er das Argument nicht verstehe. Er sei doch auch bei der Veranstaltung des Bergischen Geschichtsvereins Erkrath gewesen, bei der Hanna Eggerath über die Funde referiert habe und hätte die Empörung erlebt, dass nicht weiter gegraben wird. „Mit der Erschließung und Bebauung werden weitere Grabungen zum Neandertaler und der Steinzeit unmöglich gemacht.“ Damals, als man den Schädel gefunden habe, hätte man das auch nicht gewusst. „Wenn man damals schon anders mit Funden umgegangen wäre, hätten wir heute sicher ein komplettes Skelett des Neandertalers.“ Das sei nicht sein Hauptargument, aber schließlich habe die Kommunalpolitik auch eine Verantwortung. „Ich hatte auf Unterstützung der BmU gehofft.“

In der anschließenden Abstimmung wurde die Erschließung der Neanderhöhe mit den Stimmen der CDU, SPD, FDP und des Bürgermeisters mehrheitlich beschlossen.

2 Kommentare

  1. Hallo Frau Garcia, erlauben Sie mir zu ergänzen, dass auch die FDP der Erschließung de Neanderhöhe zugestimmt hat. Bei uns bleiben Zweifel, ob es klug ist, die Straßenführung jetzt schon festzulegen, aber im Sinne des Projektfortschritts haben wir der Erschließung schließlich befürwortet. Es gilt keine Zeit mehr bei der Vermarktung der Neanderhöe zu verlieren. Erkrath benötigt die Gewerbesteuer dringendd.

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