Lesehelden der Realschule Hochdahl zeigen ihr Können

von Susann Krüll

Schulleiter Uwe Heidelberg las aus 'Der kleine Nick'. Foto: Susann Krüll

Vor Kurzem demonstrierten in der Bücherei im Bürgerhaus Kids der Erprobungsstufe, welche Fortschritte sie beim Lesen und vor allem Vorlesen gemacht haben, seitdem sie im „Leseclub“ von Schülerinnen und Schülern der höheren Jahrgänge gecoacht werden.

Jeden Freitag treffen sich – freiwillig! – in der 6. und 7. Stunde diejenigen, die noch Nachholbedarf in Sachen Lesekompetenz mitgebracht hatten, als sie von der Grund- auf die Realschule wechselten. Um mit ihnen das Lesen zu üben, hat sich eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern aus den höheren Klassen bereiterklärt, mit den Kids zu üben. Und damit so viel Einsatz zumindest ein wenig vergütet wird, gibt es seit Kurzem drei (vorher zwei) Euro Stundenlohn von der Bürgerstiftung Erkrath für jeden, der mit den Kids übt, ihre Kompetenz beim Lesen zu verbessern.

Der „Leseclub“ – wie alles begann

Die Aufregung war förmlich greifbar bei allen Schülerinnen und Schülern, die so fleißig geübt hatten, um ihren Eltern und Geschwister zu zeigen, wie herausragend sie inzwischen lesen und auch laut vorlesen können. Elisabeth Hoopmann, Initiatorin und verantwortliche Lehrerin für den „Leseclub“, musste bis zum Start noch zahlreiche Fragen ihrer aufgeregten Schützlinge beantworten, bis sie schließlich alle mit den Worten begrüßte: „Ich habe noch nie eine Bibliothek geleitet. Doch die Leiterin, Frau Heimansberg-Schmidt ist leider erkrankt und daher vertrete ich sie heute als Hausherrin“, so Hoopmanns Einleitung, bevor sie zum Grund des Zusammentreffens an diesem Ort, außerhalb der gewohnten Schulumgebung kam: „Unser Leseclub startete nach den Sommerferien, weil wir festgestellt haben, dass einigen der Fünftklässler ganz viele Wörter fehlen und sie dadurch Texte nicht verstehen.“ Sie habe ihren „supernetten Chef“ direkt von ihrer Idee, den Leseclub zu gründen, überzeugen können. Er habe nur gesagt: „macht mal“. So gebe es seitdem den „Leseclub“, der sich schnell zu einem Erfolgsmodel entwickelt habe.

„Dank Euch, Ihr großartigen Coaches der 7. bis 9. Klassen, die ihr Eure Freizeit einsetzt, um mit den Jüngeren das Lesen zu üben, die Bedarf haben.“ Sie hob hervor, dass man dabei nichts falsch, sondern nur alles richtig machen könne. „Die Größeren lesen die Texte vor, dann ließt man sie gemeinsam und dann klappt es auch allein ganz schnell, ganz wunderbar mit dem Lesen bei denen, mit denen Ihr übt.“ Die engagierte Lehrerin, die selbst Kunst, Sport und Physik unterrichtet und auch die zweite Konrektorin der Realschule ist, erzählte noch, dass die Teilnehmer des Leseclubs schon in der Kita den Kids aus Bilderbüchern vorgelesen hätten. „Jetzt können wir mehr“, unterstrich sie, dass das Gemeinschaftsprojekt ein Erfolgsmodell ist.

Bürgermeister Christoph Schultz fiel es zu, den Lesemarathon mit seinem Beitrag zu eröffnen. Mit seinem Erscheinen machte er deutlich, wie hoch diese Aktion der Realschule einzuschätzen ist. Und für die mutigen Vorleser war es eine besondere Auszeichnung und Anerkennung ihrer Leistung. Im Übrigen meisterte der Bürgermeister seine Aufgabe sehr gut, las er doch routiniert und mit viel Ausdruck vor – da merkte man nicht nur die Routine, die sein Amt mit sich bringt, sondern auch die eines dreifachen Vaters, der es gewohnt ist, den Wunsch seiner Kids nachzukommen, ihnen vorzulesen. 

Nervosität verflog mit den ersten gelesenen Sätzen

Und das bewies jede und jeder Einzelne, als sie oder er jeweils drei Minuten lang aus einem selbstgewählten Buch vorlas, bevor ein echter hölzerner Staffelstab an die oder den Nachfolgende/-n weitergeben wurde. Elisabeth Hoopmann schaute jeweils auf ihre Uhr und gab nach dem Ablauf von drei Minuten das Zeichen zum Aufhören.

Und alle meisterten ihre Aufgabe mit Bravour! Da wurde schon mal mit tiefer Stimme eine Passage gelesen, in der ein Erwachsener spricht, wie in dem Roman von Joan Aiken, den sich der erste Vortragende ausgesucht hatte. Er las, ohne zu stocken die englischen Namen in perfekter Aussprache vor. Eine der nächsten Schülerinnen hatte mit dem Buch „Die Schule der magischen Tiere“ auch ein Buch mit jeder Menge schwieriger Worte ausgewählt. Diese und auch die englischen Namen kamen ihr perfekt über die Lippen. Bei anderen war die Stimme zunächst ein wenig zaghaft, wurde dann aber immer fester, je länger gelesen wurde. Manchen half es, mit dem Finger die gelesen Zeilen entlangzufahren.  

Elisabeth Hoopmann lobte und richtete nach jedem Vortrag sehr persönliche Worte an jeden Schüler. Einmal erwähnte sie, dass derjenige gerade erst ein paar Monate in Deutschland sei, habe er doch sein Heimatland, die Ukraine, verlassen müssen. Doch das hinderte Maxim nicht daran, den Text so großartig und passend zu dem zu betonen, was er gerade vorlas, dass er die Zuschauer beeindruckte und berührte. Zu Leila und Shirin, die als Duo an den Tisch traten, der vor dem Publikum aufgebaut war, berichtete Hoopmann stolz: „Die beiden haben sich gegenseitig gecoacht.“ Und zu Sara, die aus dem ersten „Harry Potter“-Band vorlas, erzählte Hoopmann: „Sie ist erst seit einem Jahr bei uns auf der Schule und wird nun als Coach mitmachen im Leseclub.“ Darauf erfolgte ein weiterer Applaus für das Mädchen.

Nicht nur hier merkte man der engagierten Lehrerin an, wie stolz sie auf die Leistungen jeder und jedes Einzelnen war. Auch die, bei denen das Vorlesen zaghaft war oder auch das eine oder andere Wort nicht gleich richtig herauskam, hatte sie immer ein lobendes und aufmunterndes Wort oder gab Hilfestellung, indem sie von eins bis drei zählte und aufforderte: „Nun beginnst Du einfach noch einmal.“ Mit neu geschöpfter Kraft und Ruhe, begann der Junge noch einmal und brachte seinen Text ohne sich zu verhaspelten bis zum Ende zu Gehör, obwohl er direkt aufgeben wollte. Die Schüchternen munterte sie vor dem Beginn auf: „Du kannst wunderbar lesen, los geht es!“

Jörg Jasper. Foto: SK

Als „Gastleser“ war auch Jörg Jasper von der „Bürgerstiftung Hochdahl“ dabei. Er las aus dem ersten Kapitel des Klassikers „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling. „Ich freue mich, heute hier zu sein, denn ich durfte schon einmal Gast bei Euch im Leseclub sein. Schon damals war ich sehr beeindruckt, wie Ihr so konzentriert arbeitet.“ Er erzählte noch, dass er schon als Kind viel gelesen habe und das auch heute immer noch sehr gern mache. Nach seinem Beitrag übergab der Buch als Geschenk für die Schülerbibliothek. „Dann könnt Ihr selbst lesen, wie es weitergeht mit Mogli und seinen Abenteuern im Dschungel“, forderte er die Kids auf, während er die besonders schöne Ausgabe des Klassikers an Elisabeth Hoopmann übergab.

Schulleiter Uwe Heidelberg war natürlich ebenfalls gekommen, um zu erleben, welche Fortschritte seine Schützlinge gemacht hatten. Doch er war nicht nur zum Ermuntern und Anfeuern da, auch er las aus einem mitgebrachten Buch vor. „Ich habe Euch das Buch ‚Der kleine Nick‘ mitgebracht“, so Heidelberg, der passenderweise eine Stelle ausgewählt, die in der Schule spielt. “Vielleicht erkennt Ihr ja etwas wieder, auch wenn das Buch in Frankreich spielt.“

Das Schlusswort hatte dann wieder Elisabeth Hoopmann: „Mir ist das Herz aufgegangen, Euch alle heute hier erlebt zu haben. Ihr habt das alle ganz toll gemacht. Ich bin stolz auf Euch und was Ihr gemeinsam mit Euren Coaches erreicht habt.“ Diese erhielten noch einen Extraapplaus, der aber irgendwie allen galt: Elisabeth Hoopmann für ihre Initiative, Uwe Heidelberg, der die Idee voll und ganz mitträgt und natürlich ganz besonders den „Leseclub“-Helden, die es alle wagten, vor Publikum zu laut zu lesen und zu zeigen, dass die anfänglichen Schwierigkeiten mit den Wörtern der Vergangenheit angehören.

Persönlicher Kommentar: Auch ich hatte die Ehre, und das meine ich genauso, wie ich es schreibe, von Elisabeth Hoopmann eingeladen worden zu sein, um wie Jörg Jasper auch aus einem Buch meiner Wahl vorzulesen (Ich wählte „Flussabwärts nach Amerika“ von der Mettmanner Autorin Andrea Postert, das nun auch in der Schulbücherei ausgeliehen werden kann). Eingeplant war ich etwa in der Mitte aller Vorlesenden. Meine Aufregung war bis dahin schon sehr gestiegen, hatte ich bis dahin schon erlebt, wie großartig alle ihre Aufgabe, vor Publikum laut vorzulesen, gemeistert hatten. So verhaspelte ich mich dann auch gefühlt in jedem Abschnitt mindestens einmal, so dass mein Respekt vor der Leistung aller Teilnehmer des Leseclubs noch mehr wuchs als bis dahin schon. Genau wie ihre Lehrerin und ihr Schulleiter kann ich nur sagen: Hut ab und höchsten Respekt, was Ihr da geleistet habt! Ich hoffe und wünsche Euch, dass ihr weiterhin viel Freude am Lesen hat, denn Bücher eröffnen neue Welten!

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