Krankenhäuser von der Politik vergessen?

von Ria Garcia

EVK Geschäftsführerin Jessica Llerandi Pulido appelliert an die Bundespolitik die Krankenhäuser nicht zu vergessen. Foto: Ria Garcia

Im Gespräch mit EVK Geschäftsführerin Jessica Llerandi Pulido wird klar: Lange können die Krankenhäuser in Deutschland die massiv gestiegenen Kosten nicht mehr stemmen. Hilfe vom Bund ist dringend notwendig.

Mit der Kampagne ‘Alarmstufe ROT: Krankenhäuser in Gefahr’ macht die deutsche Krankenhausgesellschaft seit Ende August / Anfang September auf die finanzielle Situation der Krankenhäuser in Deutschland aufmerksam. Nach fast drei Jahren Pandemie stehen die Krankenhäuser nun vor einer neuen Herausforderung. Massive Preissteigerungen für Energie, Medizinprodukte, Dienstleistungen aber auch Lebensmittel lassen sie in extreme Schwierigkeiten geraten. Laut einer Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft können 96 Prozent der befragten Kliniken die gestiegenen Kosten schon jetzt nicht mehr aus eigenen Erlösen decken. Insolvenzen sind nicht ausgeschlossen. Das Dilemma: Die Krankenhäuser erhalten Geld vom Staat für Investitionen und von den Krankenkassen für die Betriebskosten in Form von sogenannten Fallpauschalen. Die letzte Erhöhung wurde im Dezember 2021 verhandelt und für 2022 auf 2,32 Prozent festgelegt. Laut Statistischem Bundesamt lag die Inflationsrate im August aber bereits bei 8 Prozent.

Krankenhäuser werden in die roten Zahlen kommen

Im Evangelischen Krankenhaus Mettmann hat man die Mehrkosten berechnet. “Wir rechnen mit mehr als 3 Mio. zusätzlichen Kosten”, sagt uns Jessica Llerandi Pulido. Allein die Kosten für Energie, Strom und Wasser seien um 100 Prozent gestiegen und machen einen Anteil von 1,15 Mio. Euro zusätzlich aus. Hinzu kämen Medizinbedarf, für den die Kosten massiv gestiegen seien und selbst die Lebensmittelkosten seien um 43 Prozent gestiegen. Das mache allein für Lebensmittel 300 Tsd. Euro Mehrkosten aus. All das habe das EVK kalt erwischt. “Wir können nicht einfach die Heizung herunterdrehen”, beschreibt Llerandi Pulido, dass in der Patientenversorgung andere Maßstäbe gälten. Das Krankenhäuser von der Politik bisher nicht priorisiert behandelt werden, kann sie nicht nachvollziehen. “Im Gegensatz zur Industrie können wir ja nicht einfach unsere Preise anheben.” Womit wir wieder bei den 2,32 Prozent wären, die den Krankenhäusern als Erhöhung für 2022 zugestanden wurden. “Wir wollen, dass der Bund, wie er Energie-intensive Unternehmen unterstützt, auch uns unterstützt”, fordert sie und spricht auch für andere Krankenhäuser. “Die Gesellschaft denkt, Krankenhäuser seien sicher”, stellt sie fest, dass die Not der Krankenhäuser für die meisten Menschen nicht sichtbar sei. “Wir brauchen einen Inflationsausgleich und der muss vom Bund kommen”, sagt sie, denn es könne nicht seien, dass die Krankenkassen hier einspringen und die Kosten anschließend über die Beiträge wieder von den Menschen gezahlt werden müssten, die eh selbst schon sehr belastet seien. “In der Pandemie waren wir System-relevant. Und jetzt? Ich bin wütend und frustriert”, beschreibt sie, wie es ihr als Geschäftsführerin des Krankenhauses persönlich dabei geht. Aber auch dem Personal ginge es bei all dem nicht gut.

Not herrscht auch beim Personal

Während draußen auf der Straße Corona sichtbar kaum noch eine Rolle spielt, gelten in den Krankenhäusern andere Regeln. Besucher müssen einen tagesaktuellen negativen Test vorweisen und müssen eine FFP2 Maske tragen. “Das ist oft schwer zu vermitteln”, erklärt Jessica Llerandi Pulido. Oft würden die Besucher dann im Zimmer die Maske ausziehen und so käme es dennoch zu Ansteckungen. Für das Personal viel zusätzlicher Aufwand, weil infizierte Patienten weiterhin isoliert werden müssen und die Versorgung nur mit entsprechender Schutzkleidung erfolgen darf. Mit den steigenden Corona-Fallzahlen käme es inzwischen auch beim Personal wieder zu vielen Ausfällen. “Es ist nicht immer Corona, auch die Grippe lässt wieder viele krank werden.”

Für das übrige Personal bedeute das Mehrarbeit und die überbordende Bürokratie verschärfe die Situation noch. “Mittlerweile fallen 3 bis 4 Std. pro Tag für die Dokumentation an.” In der letzten Woche führten die Personalausfälle schon wieder zu einer besonderen Situation. “Wir können im Moment nur Notfälle behandeln. Geplante Operationen müssen verschoben werden”, beschreibt Llerandi Pulido die Auswirkungen der Personalausfälle. Jede abgesagte Operation sei aber auch wieder ein Verlust. Das sei ein Teufelskreis. “Ich bin ein sehr positiver Mensch, aber wir laufen mittlerweile einen Marathon und sind einfach müde.”

Kommentar: Bleibt zu hoffen, dass die Politik den Aufruf ‘Alarmstufe ROT’ hört und neben den Schließungen einiger Kliniken nicht noch Insolvenzen hinzukommen und die Gesundheitsversorgung insgesamt ins Wanken gerät.

Alarmstufe ROT: Krankenhäuser in Gefahr

Mehr Informationen zur Kampagne ‘Alarmstufe ROT: Krankenhäuser in Gefahr’ gibt es auf der Homepage der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Die gleichnamige Petition kann über das Portal OpenPetition gezeichnet werden.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*