Braucht es mehr Vielfalt im Lokaljournalismus?

erkrath.jetzt inside Teil 2

Symbolbild - Steve Buissinne auf Pixabay

Heute lassen wir Euch ein wenig an der Entstehungsgeschichte von erkrath.jetzt teilhaben.

Als gemeinnützige Genossenschaft, die erkrath.jetzt seit zwei Jahren als neue, digitale Lokalzeitung herausgibt, haben wir von den Vorüberlegungen über die Gründung und die Herausausgabe von erkrath.jetzt schon allerhand erlebt. Aber warum haben wir erkrath.jetzt überhaupt gegründet?

Von Monopolisten und der wegbrechenden Vielfalt im Lokaljournalismus

Alles begann für uns eigentlich so richtig mit dem einsetzenden Sparzwang der Verlage und damit verbunden mit immer weniger Beauftragungen für uns ‚freie Journalisten‘. Dann kam der Schock: Von jetzt auf gleich wurde im Juli 2019 die Wochenpost eingestellt. 20 Kollegen aus der Branche verloren ihren Job und Erkrath eine Zeitung, die Teil der lokaljournalistischen Vielfalt war.

Das Phänomen beschränkt sich nicht auf Erkrath. Seit Jahren werden Redaktionen zusammengelegt oder Medien ganz eingestellt. Vielerorts gibt es die journalistische Vielfalt im Lokaljournalismus längst nicht mehr. Monopolisten entscheiden, welche Nachrichten der Leser im Lokalteil noch findet. Nils Dietrich hat vor einigen Monaten einen interessanten Artikel dazu geschrieben. Schon im Juli 2018 interviewte Sophie Krause beim Tagesspiegel Zeitungsforscher Horst Röper zu diesem Thema. Der Artikel wurde unter dem Titel ‚Eine Katastrophe für die Vielfalt‚ veröffentlicht.

Anders als die Zukunft von Nils Dietrich gezeichnet wird, ist die Themenvielfalt bei erkrath.jetzt nicht ‚verschlankt‘. Wir haben uns bewusst für die Vielfalt entschieden. Bei uns sind Vereine, Initiativen und mehr sichtbar. Wir versuchen auch mit unseren knappen Ressourcen alle wichtigen kommunalpolitischen Themen abzudecken. Wir sind der Überzeugung, dass vielfältiger Lokaljournalismus für eine funktionierende Gesellschaft und Demokratie wichtig ist.

Das Experiment mit der freien Lesbarkeit und der Freiwilligkeit der Unterstützung

Wir haben uns auf ein spannendes Experiment eingelassen, dessen Ausgang auch sein kann, dass wir erkrath.jetzt aufgeben und dass wir die Stadt Erkrath dem Schicksal vieler anderer Städte preisgeben: Eine Zukunft mit lokaljournalistischen Inhalten, den Monopolisten bestimmen und vielleicht auch einer Zukunft, in der es irgendwann gar keinen Lokaljournalismus mehr gibt.

Als wir in die Vorüberlegungen zu erkrath.jetzt gingen, standen wir vor der Frage, welche Unternehmensform wir für die Gründung wählen. Auf der einen Seite wollten wir journalistische Vielfalt erhalten, auf der anderen Seite anderen freien Journalisten die Möglichkeit geben, in anderen Städten ähnliche Projekte zu starten, ohne das Rad neu erfinden zu müssen. „Ich will keine Bezahlschranke“, sagte Tanja, als wir im Sommer 2019 auf meinem Balkon saßen und überlegten, wie ‚erkrath.jetzt‘ aussehen könnte. „Dann müssen wir uns fragen, wie sich ein solches Projekt finanzieren soll“, war meine Antwort und vor der Frage stehen wir bis heute, wenn wir auch einige ‚Lösungsansätze‘ auf den Weg gebracht haben.

Einer der ersten war die Entdeckung von Steady, einer Plattform, die Abos ermöglicht, ohne dass wir eine Bezahlschranke auf unsere Seite legen müssen. Ein weiterer war die Überlegung einen Teil der Kosten mit Werbung zu generieren, allerdings nicht die Art von Werbung, die dem Leser das Lesen verleidet und auch keine Werbung die überhaupt keinen Bezug zu Erkrath hat. Von einem Zeitungsprojekt in der Schweiz wussten wir, dass es dort gelungen war, über freiwillige Abonnenten das Projekt zu finanzieren. Dass wir mit dem Start am 1. November 2019 nur wenige Monate vor der Pandemie unterwegs waren und Werbung von regionalen Anbietern dann erst einmal nicht zu adäquaten Einnahmen führen konnte, wussten wir damals natürlich noch nicht.

Gemeinnütziger Lokaljournalismus?

Der Gedanke die Gemeinnützigkeit zu beantragen, kam nach einem Besuch des Campfire Festivals in Düsseldorf im Sommer 2019 und einer Gesprächsrunde mit der Schöpflin Stiftung, die gemeinnützige Projekte unterstützt. (Wir erhalten bisher durch keine Stiftung eine Förderung.) „Fragen zur inhaltlichen Gestaltung und dem eigenen Selbstverständnis kommen dabei ebenso zur Sprache wie die Finanzierung eines unabhängigen Medienangebots.“ Dieser Satz in der Ankündigung hatte mich veranlasst teilzunehmen.

Schnell wurde klar, dass über alles mögliche gesprochen wurde, außer über den Lokaljournalismus. Ich stellte also die alles entscheidende Frage „Wie sehen Sie die Zukunft des Lokaljournalismus?“ Jeder der Anwesenden war sich der Bedeutung der Frage offensichtlich bewusst. Lokaljournalismus sei wichtig für die Gesellschaft. Silke Jäger, Journalistin bei den Krautreportern erzählte, dass sie einige Zeit in England tätig war und dass sie der Meinung sei, den Brexit hätte es nie gegeben, wenn es dort noch einen funktionierenden Lokaljournalismus gegeben hätte. Bis auf den Gedanken, dass es sinnvoll seien könnte, die Gemeinnützigkeit zu beantragen, um uns vielleicht auch um Förderungen zu bewerben, nahm ich also nicht viel vom Campfire mit.

Lest beim nächsten Mal etwas über die Gründung der Genossenschaft und den Start von erkrath.jetzt.

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1 Kommentar

  1. Hallo ihr Lieben!
    Seit die großen Blätter ihre Lokalredaktionen eingedampft haben und in allen Ausgaben von RP, WZ, NRZ etc. die gleichen Artikel zu finden sind, bin ich sehr dankbar und froh, dass es Euch gibt. Gerade Erkrath wird bei Euch – anders als bei den großen Zeitungen – in den Mittelpunkt gerückt und man findet hier fundierte und breitgefächerte Informationen darüber, was sich in unserer Stadt so tut.
    Weiter so!!!
    Liebe Grüße
    Peter Faßbender

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