Apotheken bleiben am 14. Juni auch in Erkrath geschlossen

von Ria Garcia

V.l.: Bodo Schmitz-Urban (Apotheke am Breidenplatz – Unterbach), Dr. A. von Sturmfeder (Sedenquell-Apotheke), Klaus Sauerwein (Millrather Apotheke), Dr. Carsten Klenke (Neander Apotheke), Alexey Bronov (Bavier-Apotheke), Wolfgang Wittig (Bären-Apotheke Am Neuenhausplatz und Düsseldorf), Dr. Ralf Schulte (Apotheke Am Stadtweiher und Markt-Apotheke), Katrin Meuser (Rosen-Apotheke). Foto: Ria Garcia

Am bundesweiten Apotheken Protesttag, der auf die schwierige Situation der Apotheken aufmerksam machen soll, beteiligen sich auch die Apotheken in Erkrath und Unterbach.

Wer am kommenden Mittwoch (14. Juni 2023) Medikamente aus der Apotheke benötigt, sollte sich vorher informieren, welche Apotheken Notdienst haben, denn die Mehrzahl aller Apotheken wird geschlossen sein. Links zur Suche nach dem Apotheken-Notdienst haben wir am Ende des Artikels eingefügt. Inhaber der Erkrather oder Unterbacher Apotheken und auch deren Angestellte sammeln sich mit vielen anderen zu einem Protest, der unter dem Motto „Apotheken kaputtsparen? Mit uns nicht!“ auf die schwierige Situation der Apotheken aufmerksam machen soll.

Das deutsche Gesundheitssystem ist krank …

Darüber, dass nicht nur Krankenhäuser, sondern auch die Apotheken vor Ort mehr und mehr in Schieflage geraten, darüber wird bisher wenig berichtet. Was viele Patienten in erster Linie spüren: Immer mehr, oft lebenswichtige, Medikamente sind nicht lieferbar. Auch das wird für die Apotheken zunehmend zu einem Problem. Um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen, gehen die Apotheker und ihre Angestellten nun auf die Straße und wenn sich jemand aufregt, dass die Apotheke vor Ort geschlossen hat: Denken Sie daran, dass tun die Apotheker auch für uns Patienten.

Wer einmal genauer betrachten möchte, was Apotheken leisten, sollte einen Blick in die Broschüre ‚Die Apotheke – Zahlen Daten Fakten‘, die jährlich von der ABDA (Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V.) herausgegeben wird. Hier die Ausgabe für 2023. Darin ist für Ende 2021 die Zahl von 18.461 öffentlichen Apotheken in Deutschland genannt. Die Deutsche Apotheker Zeitung berichtete vor kurzem ausführlich zum Thema ‚Apotheken in Schieflage‚. Dem Artikel ist auch zu entnehmen, dass es nach dem ersten Quartal 2023 nur noch 17.939 in Deutschland gab. Ein Trend der schon seit 2008 zu beobachten ist, wie einem Artikel auf Tagesschau.de zu entnehmen ist. In 2008 gab es in Deutschland noch 21.602 öffentliche Apotheken.

O-Töne unserer Apothekerinnen und Apotheker

Wir haben mit acht Apothekerinnen und Apotheken vor Ort gesprochen. Dass man sie alle gemeinsam zu einem Gespräch trifft, ist auch für uns neu. „Bei jedem zweiten Rezept besteht Handlungsbedarf“, erfahren wir von Wolfgang Wittig von der Bären Apotheke. Die Zahl der nicht lieferbaren Medikamente nimmt zu. Von Blutdrucksenkern, Antibiotika und Fiebersäften, bis zu rezeptpflichtigen Augentropfen oder Medikamente für Diabetiker, es fehlt an allem. Für die Apotheken bedeutet das häufige Rücksprachen mit den behandelnden Ärzten und die Suche nach einem möglichen Ersatzmedikament. Eine Vergütung für den erhöhten Aufwand gibt es nicht. „Wir kommen an unsere Kapazitätsgrenzen. Wir haben 30 bis 40 Prozent mehr Arbeit“, berichtet und Klaus Sauerwein von der Millrather Apotheke. Wenn man ihn fragt, was man unternehmen müsse, damit wieder mehr Medikamente lieferbar sind, sagt er: „Die Rabattverträge der Kassen müssen weg.“ Die Apotheker nennen uns ein Beispiel, warum sich gerade bei uns in Deutschland die Situation so verschärft. Ein spezielles Medikament für Diabetiker kostet hier in Deutschland 80 Euro, in den USA 900 Euro. Man könne sich ausrechnen, wohin geliefert werde.

Von der Bundespolitik sind die Apotheker enttäuscht. Seit diese Regierung im Amt ist, sei Gesundheitsminister Karl Lauterbach noch bei keinem Apotheker Tag dabei gewesen. Dabei würden Entscheidungen, die die Apotheken betreffen, alle auf Bundesebene getroffen. Seit 13 Jahren habe es für die Apotheken keine Erhöhung der Vergütungen gegeben, obwohl auch für die Apotheken die Kosten deutlich gestiegen sind. Dabei sei eine solche Erhöhung eigentlich gesetzlich festgeschrieben. „Im Gegenteil. Durch den im Februar erhöhten Kassenabschlag von 1,77 Euro auf 2,00 Euro erhalten wir sogar 23 Cent je rezeptpflichtigem Medikament weniger“, erklärt Sauerwein.

80 Prozent des Gesamtumsatzes machen die Apotheken vor Ort mit rezeptpflichtigen Medikamenten. Durch die vielen nicht lieferbaren Medikamente gibt es Umsatzeinbrüche von rund 30 Prozent, während die Apotheken gleichzeitig Kostensteigerungen (Betriebs- und Personalkosten) von ebenfalls rund 30 Prozent auffangen müssen. „Wir gehen auf dem Zahnfleisch und sind an der Belastungsgrenze“, so der einhellige Tenor. Wolfgang Wittig von der Bären-Apotheke am Neuenhausplatz nennt uns noch ein Beispiel aus dem Apotheken-Notdienst: „In 12 Stunden Bereitschaft kamen gerade einmal 5 Kunden.“ Eine Vergütung erhalten die Apotheker für den Notdienst nicht. Sie dürfen pro Kunde einmalig im Notdienst eine Gebühr von 2,50 Euro erheben. Oft seien es nicht einmal Rezepte, die nach dem Besuch einer Notfallpraxis eingelöst würden. In der genannten Nacht seien es meist Nasentropfen oder Kopfschmerztabletten gewesen.

Ein weiteres Problem sei, dass auch in den Apotheken zunehmend Personal fehle. „Im Schnitt dauert es 12 Monate, bis wir eine freie Stelle besetzen können“, erklärt Sauerwein. Für Pharmazeuten sei die Apotheke nicht mehr attraktiv. Zunehmende Bürokratie und hoher Arbeitsaufwand seien Gründe dafür. „Die Mitarbeiter sind ausgezehrt.“ Aber in der Runde die wir zum Gespräch versammeln konnten, gibt es noch eine ganz andere Sorge, die die Jüngeren unter ihnen noch nicht so trifft. „Die Apotheke ist auch unsere Altersvorsorge“, erklärt uns Sauerwein. Verkauf oder Verpachtung funktioniere aber vielfach aus den geschilderten Gründen nicht mehr. In diesem Jahre wird insgesamt mit der Schließung von 1.000 Apotheken gerechnet. Und das bei einem durchschnittlichen Anstieg der über 60-jährigen Kunden allein von 2017 bis 2021 um 13,8 Prozent pro Apotheke. Bei den über 80-jährigen Kunden war sogar ein Anstieg von 30,2 Prozent im gleichen Zeitraum zu verzeichnen. „Junge Apotheker sind oft nicht mehr bereit die Verantwortung zu übernehmen“, befürchtet Sauerwein ein weiteres Apotheken sterben.

„In Düsseldorf wird es nächste Woche voll“, sind sich die Apotheker sicher. Dort tragen sie gemeinsam ihren Protest und die Forderungen an die Politik in die Öffentlichkeit. An diesem Tag bleiben nicht nur in Erkrath und Unterbach eine Vielzahl von Apotheken geschlossen. Während auch an diesem Tag Betriebs- und Personalkosten weiterlaufen, wird kein Umsatz erzielt. Vielleicht zeigt das deutlich, wie wichtig das Anliegen der Apotheker ist.

Politische Forderungen der Apothekerschaft

Der Gesamtvorstand der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e.V. beschloss am 28. Februar 2023 folgende prioritären Forderungen der Apothekerschaft:

  1. Erhöhung des Fixums in der Arzneimittelpreisverordnung
    Das in der Arzneimittelpreisverordnung festgelegte „Fixum“ (derzeit: 8,35 € netto) muss auf 12,00 Euro erhöht werden.
  2. Regelung zur indexierten Erhöhung des Fixums
    Dieses Fixum muss durch einen regelhaften Mechanismus jährlich an die Kostenentwicklung angepasst werden, ohne dass es gesonderter Maßnahmen des Gesetz- oder Verordnungsgebers bedarf.
  3. Einführung einer zusätzlichen regelmäßigen Pauschale für jede Betriebsstätte
    Diese Pauschale dient der Grundsicherung der Flächendeckung und soll für jede Betriebsstätte gleich hoch sein.
  4. Handlungsfreiheit für Apotheken für die schnelle Patientenversorgung
    Die größeren Entscheidungsfreiheiten ermöglichen eine schnelle Versorgung der Patientinnen und Patienten und vermeidet in deren Interesse gefährliche Therapieverzögerungen, insbesondere auch bei Lieferengpässen. Die verordnenden Ärzte werden von bürokratischem und zeitlichem Aufwand entlastet.
  5. Reduzierung von Retaxationsverfahren auf das sachlich gebotene Maß
    Vollständige Verweigerung der Bezahlung des Preises des abgegebenen Arzneimittels müssen verboten werden, wenn der/die Versicherte entsprechend der ärztlichen Verordnung versorgt wurde. Teiltretaxationen sind nicht ausgeschlossen, müssen aber auf den Betrag beschränkt werden, der sich aus dem Zuschlag (Fixum + 3% auf den Apothekeneinkaufspreis) ergibt. Formfehler, die der verordnende Arzt / die verordnende Ärztin verursacht hat, berechtigen nicht zu einer Retaxation.
  6. Engpass-Ausgleich
    Für den zusätzlichen Aufwand bei der Bewältigung von Lieferengpässen muss ein angemessener finanzieller Ausgleich („Engpass-Ausgleich“) geschaffen werden.
  7. Beseitigung der finanziellen Risiken aus dem Inkasso des Herstellerrabattes für die Krankenkassen
    Für den Fall, dass die Apotheke bei Zahlungsunfähigkeit des pharmazeutischen Unternehmers von diesem keinen Ausgleich für den an die Krankenkasse geleisteten Herstellerabschlag erhält, muss die Krankenkasse zur Rückerstattung des von der Apotheke verauslagten Herstellerrabattes verpflichtet werden.
  8. Schaffung einer Rechtsgrundlage für die Arzt-Apotheker-Kooperation beim Medikationsmanagement
    Es muss eine Rechtsgrundlage dafür geschaffen werden, dass Vertragsärzt*innen und Apotheken als Leistungserbringer in der Regelversorgung (nicht nur wie bisher in Modellvorhaben wie ARMIN) bundesweit und für Versicherte aller Krankenkassen ein gemeinsames Medikationsmanagement anbieten können.
  9. Einschränkung des Präqualifizierungsverfahrens
    Die Apotheken müssen von der Notwendigkeit der Durchführung des Präqualifizierungsverfahrens im Hilfsmittelbereich ausgenommen werden, soweit die Qualität ihrer Leistungserbringung bereits durch andere regulatorische Maßnahmen sichergestellt ist.
  10. Einzelmaßnahmen zum Bürokratieabbau
    Regulatorische Anforderungen, deren Zielsetzung entfallen oder anderweitig gewährleistet ist, sind zu streichen.

Apotheken-Notdienst am kommenden Mittwoch

Notdienst hat am Mittwoch (14. Juni 2023) die Schwanen-Apotheke in Haan am Neuen Markt 36. Weitere Apotheken mit Notdienst finden Sie über die Notdienstsuche von meinestadt.de oder aponet.de.

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