Wir wollen unseren Stadtweiher!

Ideenforum Stadtweiher im Bürgerhaus
Das Bürgerhaus war gut gefüllt. Auch im oberen Bereich waren Stühle aufgestellt worden. Zusätzlich nahmen Besucher auf den Stufen seitlich der 'Bühne' Platz. Foto: RG

So könnte man das Ergebnis des Ideenforums am Mittwoch im Bürgerhaus wohl analog zum Werbeslogan eines bekannten Kaubonbons auf eine einzige Formel für den Stadtweiher bringen.

Am Eingang bildeten sich lange Schlangen vor der Einlasskontrolle gemäß der 3G. Im Inneren des Bürgerhauses wurden immer neue Stühle hereingetragen, um möglichst jedem interessierten Bürger einen Sitzplatz zu bieten. Das Interesse an der Zukunft des Stadtweihers war deutlich größer, als mit der vorher aufgestellten Anzahl Stühle kalkuliert. Noch vor der offiziellen Eröffnung bat Bürgermeister Christoph Schultz die Besucher angesichts der Vielzahl von Menschen auch an den Plätzen nicht abzusetzen.

Deutlich verspätet ging es dann schließlich los. Bei der Begrüßung durch den Bürgermeister, machte dieser nach dem Auftauchen von Gerüchten in den sozialen Medien, deutlich: „Der Stadtweiher ist nicht zur Bebauung vorgesehen!“ Dann übernahm Thomas Scholle von plan-lokal aus Dortmund die Moderation und stellte den geplanten Ablauf des Abends vor, der – soviel sei vorweggenommen – nicht eingehalten werden konnte.

Anschließend übergab er an Reinhard Beck (Ingenieurbüro Beck), der die Ergebnisse der wasserwirtschaftlichen Untersuchung präsentierte. Mit der Kenntnis dieser Ergebnisse sollten die Bürger im weiteren Verlauf ins ‚Denkarium‘ und ins ‚Ideenforum‘ starten, aber soweit kam es am Ende gar nicht. Bereits während Reinhard Becks Vortrag gab es Zwischenrufe. Es war zu bemerken, dass die Bürger schon voller Emotionen angekommen waren und kaum die Geduld aufbrachten Beck bis zum Ende zuzuhören.

Die Erkenntnisse aus der wasserwirtschaftlichen Untersuchung

Eigentlich war man 2019 noch von vollkommen anderen Voraussetzungen ausgegangen, als man sich auf den Weg machte, um den Stadtweiher neuzugestalten. Reinhard Beck hatte unter klaren Vorgaben den Auftrag zur Entschlammung übernommen. Bei Beginn der Arbeiten ging er davon aus, dass der Stadtweiher einst chemisch versiegelt wurde. Auch eine Abgabe von Wasser an den Sedentaler Bach war vom Bergisch-Rheinischen Wasserverband nicht gefordert. Es gab einfache Messungen in den Wasserläufen des Kattendahler Grabens und des Sedentaler Bachs während der Entschlammung. Die Schlammstärke im Stadtweiher betrug zwischen 30 und 80 Zentimetern und beim Abschaufeln kam schließlich die erste Ernüchterung: Die bei den Arbeiten vorausgesetzte chemische Versiegelung gab es nicht! Der Untergrund war durchlässig und seit dem der Stadtweiher zu Baubeginn der ’neuen Stadt Hochdahl‘ ins Gelände eingegraben wurde, hat sich der Grundwasserspiegel um 4 Meter gesenkt. Solange der Weiher im Grundwasser stand und durch den Zulauf aus dem Kattendahler Graben und dem Sedentaler Bach zusätzlich gespeist wurde, gab es wenig Probleme mit dem Wasserstand. Überschüssiges Wasser wurde durch den Ablauf wieder an den unteren Teil des Sedentaler Bachs abgegeben.

„Egal, was wir 2019 noch gesagt haben: Einlaufendes Wasser versickert sofort wieder“, machte Reinhard Beck deutlich, dass die Annahmen von vor zwei Jahren sich nicht bestätigten. Weitere Probleme seien der hohe Versiegelungsgrad des Stadtteils und die Mischwasserkanäle in denen Regenwasser dem Schmutzwasser zugeführt würden und nicht das Grundwasser auffüllten. Die Sedentaler Quelle sei schon vor 20 Jahren versiegt und der Sedentaler Bach führe nur temporär genügend Wasser.

Schon zu diesem Zeitpunkt gab es Zwischenrufe aus den Reihen der Besucher, die Einspruch zum Sedentaler Bach erhoben. „Bitte warten Sie doch, bis Herr Beck seinen Vortrag beendet hat, dann gehen wir mit dem Mikro herum und sie können ihre Fragen stellen und Meinungen äußern“, bat Thomas Scholle um Disziplin. „Und dann bekomme ich kein Mikrofon“, unterstellte ein Zuhörer, später nicht zu Wort zu kommen. „Der Bach hat Wasser bis zur Brücke bei der Polizei und dann versickert es“wirft er ein. Schließlich gelingt es Thomas Scholle die Gemüter vorüber gehend wieder zu beruhigen und Reinhard Beck setzt seinen Vortrag fort. Er berichtet, dass der Sedentaler Bach oft ‚trocken fällt‘. Darüber hinaus sei der Grundwasserspiegel im gesamten Einzugsgebiet gesunken. Er sei von 2015 bis heute in der Region unterwegs.

Das sich verändernde Klima ließe bis 2050 mehr Starkregenereignisse erwarten, während dazwischen immer wieder Trockenperioden liegen werden, erläutert er Rechenmodelle, mit denen die Möglichkeiten den Stadtweiher mit seinen 30.000 Quadratmetern mit ausreichend Wasser zu füllen, berechnet worden sind. Da immer weniger Wasser auch wieder in den Sedentaler Bach abfließt, gibt der Bergisch-Rheinische Wasserverband (BRW) im Rahmen der europäischen Wasserrichtlinien vor, dass beim Stadtweiher künftig sicherzustellen ist, dass mindesten 1 Liter Wasser pro Sekunde (Grundabgabe) auch wieder in den Sedentaler Bach abfließen muss.

Mit dem jetzigen Wissen, den vorliegenden Zahlen, den Anforderungen an die europäische Wasserrichtlinie, die seit 2000 in Kraft ist und den Vorgaben der Unteren Wasserbehörde und des BRW hat Beck in verschiedenen Modellen gerechnet und ein Gutachten erstellt, das vor allem aussagt, dass der Stadtweiher in seiner bisherigen Form nicht mehr wieder herzustellen ist. Es fehlen langfristig die Wassermengen ihn auf den alten Wasserstand steigend zu füllen und auf einem annehmbaren Stand zu halten. Auf etwa einem Drittel der bisherigen Gesamtfläche könne ein kleiner Weiher erhalten bleiben, hat er auch errechnet.

Ein Ergebnis, dass in Hochdahl kaum einer akzeptieren kann und will

Mit dem vorliegenden Ergebnis sind weder die Anwohner noch Teile der Politik zufrieden. Sie bezweifeln gar die Berechnungen von Beck, fordern ein zweites Gutachten. Bereits anberaumt ist eine Plausibilitätsprüfung des Gutachtens. Die würde prüfen, ob die zu Grunde liegenden Zahlen und die Berechnungsmethoden stimmen. Ein zweites Gutachten ändere an der Situation nichts, ist man sich in der Verwaltung einig.

Immer wieder versuchen Bürgermeister Schultz, sowie der Beigeordnete Fabian Schmidt und Ralf Hetzel, Laura Rolshoven und Daniel Günterberg aus der Stadtverwaltung den aufgebrachten Besuchern Fragen fachlich zu beantworten und zu erläutern, dass sie eingeladen sind, sich zu beteiligen und dass ihre Wünsche in die weitere Planung einfließen werden. „Wenn Sie alle beschließen, dass der Weiher komplett mit Folie abgedichtet wird und wir versuchen sollen, ihn so zu erhalten, dann ist das so“, erklärt Schultz. Die Konsequenz daraus könnte nach Aussage des vorliegenden Gutachtens jedoch sein, dass der Weiher nur 20 – 40 Zentimeter Wasserstand hätte und zeitweise ganz trocken fallen würde. „Ich hab überhaupt nichts gegen ihren Stadtweiher. Oberstes Ziel bei meiner Arbeit war die Wiederherstellung“, wendet sich Reinhard Beck an die Besucher. Er erklärt noch einmal, wie er gerechnet hat. Mit Folienabdeckung und der Grundwasserabgabe. Erst als klar war, dass der Stadtweiher auch unter diesen Bedingungen in den nächsten Jahren nicht einmal ansatzweise seinen alten Wasserstand erreichen und so wiederherzustellen wäre, hat er eine kleinere Alternative gerechnet, um wenigstens einen Teil wieder herstellen zu können. Ralf Hetzel erinnert an den trockenen Sommer 2019, als 16.000 Fische zu verenden drohten, als der Wasserstand sank. „Wir haben mit Hilfe der Feuerwehr 12.000 Liter Wasser eingepumpt, um die Fische zu retten. Zwei Wochen später war der Weiher wieder leer und wir mussten die Notentnahme der Fische vornehmen.“

Auf Zuhörer Nachfragen erklärt Beck, dass die Grundabgabe einen entscheidenden Anteil daran hat, dass der Stadtweiher nicht einfach wieder auf seinen alten Stand gefüllt werden kann. „Ein Liter pro Sekunde ist nicht viel, wirkt sich aber entscheidend auf den Stadtweiher aus.“ Es kommt die Fragen wie „Warum ist niemand vom BRW hier?“ oder „Warum ist niemand von den Stadtwerken hier?“ auf, als es um die europäische Wasserrichtlinie, die Trinkwasserbrunnen in Hochdahl und um die Frage ‚Darf man ein künstlich angelegtes Gewässer aus dem Grundwasser füllen?‘ ging. Ein Besucher hatte vorgeschlagen für den Stadtweiher einen tiefen Brunnen anzulegen. Auch wurden Vermutungen wie ‚das Ablaufwerk‘ ist undicht geäußert, mit denen erklärt werden sollte, dass der Weiher sein Wasser nicht hält. Auch wollten Besucher wissen, warum die Grundwassersenkung nur den Weiher beträfe, warum zum Beispiel der Unterbacher See dieses Problem nicht hätte. „Ein Brunnen wäre kontraproduktiv, weil er den Grundwasserspiegel noch weiter senken würde“, erklärt Beck.

Tiefes Misstrauen unter den Besuchern

Aufgrund der nicht abreißenden Fragen, war schließlich abzuschätzen, dass der Abend nicht wie geplant ablaufen würde. „Ich spüre ein tiefes Misstrauen gegenüber den vorgelegten Ergebnissen unter Ihnen. Wir werden Ihnen deshalb mehr Raum für Ihre Fragen geben und Ideen zur Umgestaltung zu einem späteren Zeitpunkt aufnehmen“, kündigte Thomas Scholle schließlich an. Und so erfuhren die Besucher an diesem Abend auch noch etwas über die geologischen Gegebenheiten, wie etwa Kalk- und Karstgestein oder Bachschwinden, die für die plötzlichen Versickerungen im Bachbett sorgen können. Auf den Einwand, dass doch in den Planungsunterlagen der Entwicklungsgesellschaft der neuen Stadt Hochdahl festgehalten seien müsste, ob der Weiher versiegelt war, antwortete Laura Rolshoven, dass man auch Archivakten zu Rate gezogen habe.

Auch Lars Busch, den viele von seinem Engagement für mehr Bepflanzung im Stadtteil kennen, meldete sich zu Wort. Er wohnt am Stadtweiher und ist nicht – wie er ausführt – aufgestanden, um Stadtverwaltung oder gar Reinhard Beck zu kritisieren. Er dankt der Stadtverwaltung, die ihn bei seinem Engagement oft unterstützt hat. „Die Frage ist doch: Was können wir hier heute tun, um für die nächste Generation genügend Grundwasser zu erhalten?“ Er richtet sich an die Besucher: „Wären einige hier bereit auf dem eigenen Grundstück Flächen zu entsiegeln, damit Regenwasser wieder versickern kann?“ Er spricht von mehr Dachbegrünung und verschiedenen Möglichkeiten etwas zu tun. „Lasst uns das Ding mal endlich angehen“, appelliert er an die Besucher. Die Emscher Genossenschaft und die Abkopplung versiegelter Flächen kommen in Bezug auf die Mischwasserkanäle in Hochdahl zur Sprache. „Das ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Für den Stadtweiher ist es aktuell keine Lösung“, gibt Reinhard Beck zu bedenken. Renate Späth bringt die grün-blaue Infrastruktur ins Gespräch, die auch eine positive Auswirkung aufs Mikroklima in den Städten hat, zur Sprache.

Schließlich kommt die Frage auf, ob man mit dem Fördermittelgeber die Situation erörtert habe. Ralf Hetzel berichtet, dass die Bezirksregierung geäußert habe, dass Erkrath mit diesem Problem kein Einzelfall sei. Reinhard Beck, der sich im Laufe der Veranstaltung immer wieder den Vorwürfen der Bürger ausgesetzt sieht, sagt schließlich: „Ich liebe Wasser. Ich mache den ganzen Tag nichts anderes. Was sollte ich für ein Interesse haben, ihren Stadtweiher zu vernichten.“ Aber auch dieses Bekenntnis konnte die Besucher am Ende nicht zufriedenstellen.

Informationen zum Ende der Veranstaltung

Nach mehr als drei Stunden blieb nur wenig Zeit, um die weiteren Abläufe noch einmal aufzuzählen. Thomas Scholle beschreibt im Schnelldurchlauf noch einmal das Verfahren. Die Entschlammung des Stadtweihers soll im Herbst abgeschlossen werden. Parallel erfolgen die Bürgerbeteiligung und ein zweistufiges Wettbewerbsverfahren, in das Anregungen aus der Bürgerschaft einfließen. Das wird im Herbst 2022 abgeschlossen sein. Anschließend erfolgen die eigentliche Planung und der Förderantrag.

Für die Ideen der Bürger, die im Ideenforum keine Zeit mehr fanden, stehen heute (17. September 2021) bei trockenem Wetter in der Zeit von 10 bis 12 Uhr und am Dienstag, den 21.09.2021, von 15 bis 16:30 Uhr jeweils ein Informationsstand an der Brücke über dem Stadtweiher (nahe Hausnummer Am Stadtweiher 5) bereit.

Die Präsentation zur Veranstaltung, aus der wir hier Teile eingefügt haben, steht auf der Homepage der Stadt unter www.erkrath.de/stadtweiher zum Download zur Verfügung. An gleicher Stelle soll in cirka 14 Tagen auch das Gutachten veröffentlicht werden.

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