
25 Jahre lang war das Projekt Zündstoff beim SKFM Erkrath für schulmüde Kinder und Jugendliche der Wiedereinstieg in die persönliche Bildungslaufbahn. Und obwohl die Zahl der Schulverweigerer kontinuierlich zunimmt, endet das Projekt zum Ende dieses Schuljahres, weil eine ausreichende Finanzierung fehlt.
Bei einer Abschlussveranstaltung vor Pfingsten kamen noch einmal Lehrer, Projektverantwortliche und Projektbeteiligte, Eltern, Schüler und auch Vertreter aus der Kommunalpolitik aus Kreis und Stadt zusammen und zu Wort. Der Abschied ist bitter, für Jugendliche, die im System Schule nicht zurechtkommen. Glücklich die, denen die Rückkehr ins System dank Zündstoff in den vergangenen 25 Jahren vergönnt war.
„Junge Menschen brauchen weiter Unterstützung“, bemerkte Berthold Santjer, pädagogischer Leiter und stellvertretender Geschäftsführer des SKFM Erkrath. Gemeinsam mit der Stadt habe man viel gemacht, aber der ständig wachsende Eigenanteil, den der SKFM für das Projekt aufbringen musste, sei nicht mehr tragbar gewesen. „Das tut uns leid“, beteuerte er. Man stehe aber bereit die Expertise weiter einzubringen. Erreicht werden müsse dauerhaft eine verlässliche Regelförderung. Bürgermeister Christoph Schultz äußerte, dass dies kein leichter Termin für ihn sei. Er begrüßte, dass eine Abschiedsveranstaltung gebe. „Das Projekt war immer mal wieder in der Diskussion. Das ist nicht leicht für eine Stadt wie Erkrath“, so Schultz. Er fragte sich, ob es gelingt, Jugendliche künftig mitzunehmen und hoffte, künftig weitere Wege beschreiten zu können. Den Beteiligten sprach er seinen Dank aus.
Ein Blick in die Statistiken von IT.NRW macht deutlich, wie sehr Projekte wie Zündstoff eigentlich gebraucht werden. 4,2 Prozent der Schüler Allgemeinbildender Schulen haben im vergangenen Jahr die Schule ohne Abschluss verlassen. In Zahlen sind das 7.430 Schüler. Zehn Jahre vorher waren es noch 2,2 Prozent. Corona dürfte den Anstieg beschleunigt haben. Schaut man auf die Bußgeldverfahren wegen Schuleschwänzen, so waren es 2020 noch 5.573. Vier Jahre später waren es schon 8.076, was einem Anstieg von 45 Prozent entspricht. Erfasst werden aber nur die Bußgeldverfahren. Bußgelder werden allerdings erst fällig, wenn pädagogische Maßnahmen nicht mehr helfen. Die Zahl dürfte also insgesamt noch wesentlich höher sein. (Quelle der Zahlen zu Schulverweigerern: WDR)
Zündstoff aus Sicht der Schule
Ulrike Stamm-Kopplow, Leiterin der Städtischen Realschule Erkrath erzählte, wie sie mit dem Projekt Zündstoff zu Beginn ihrer Tätigkeit in Erkrath in Kontakt kam, ihr klar geworden sei, worum er dabei geht. Das auch Lehrerstunden für das Projekt abgestellt werden mussten, damit die Schüler auch Regelunterricht erhalten. „Die Welt war damals noch eine andere“, erinnerte sie sich an die Zeit vor 11 Jahren. Es habe Veränderungen im System Schule gegeben und die Zahl der Schüler, die vom System Schule nicht mitgenommen würden, sei exponentiell gestiegen.
„Trotz großer Anstrengungen schafft das auch eine kleine Realschule nicht“, erklärte sie. Deshalb sei Zündstoff so wichtig. Über die Jahre sei Pädagogin Anja Weyers zum Teil des Kollegiums geworden, sowie einzelne Kollegen stundenweise Teammitglieder bei Zündstoff wurden. Das sei alles sehr unbürokratisch gewesen. „Die Schüler haben eine echte Chance erhalten wieder Anschluss zu bekommen“, so Stamm-Kopplow. Ziel sei immer gewesen die Schüler in das reguläre Schulsystem zurückzuführen. „Zündstoff war für uns ein Spiegel, was eigentlich nötig ist und was in der Schule nicht geleistet werden kann“, fasste sie zusammen. Sie sei geschockt gewesen, als sie hörte, dass das Projekt ab Sommer nicht mehr weitergeführt wird. Bildung koste Geld. Das sei aber nicht mit digitalen Tafeln und iPads getan. „Wir bedauern es sehr, einen solchen Partner zu verlieren. Das ist bitter“, schloss sie und an das Zündstoff-Team setzte sie hinzu: „Ihr werdet uns fehlen!“
Die jungen Menschen, um die es geht und deren Eltern
Michael Inden, Vorsitzender des SKFM Erkrath e.V., richtete seine Worte direkt an die Jugendlichen aus dem Zündstoff-Projekt, die zur Verabschiedung gekommen waren: „Es geht um Euch. Zündstoff war ein Versprechen an Euch junge Menschen, dass ihr gesehen werdet, dass wir an Euch glauben.“ Der Schritt das Projekt jetzt zu beenden sei leider notwendig gewesen. „Jeder von uns weiß, dass es falsch ist“, ergänzte er. Viele Jugendliche hätte bei Zündstoff gelernt wieder an sich selbst zu glauben. Von den Projektmitarbeitern habe er vernommen, wie schön das sei, wenn ein Jugendlicher sagt: „Ich schaffe das.“ Er selbst wünsche sich sehr, dass der Geist von Zündstoff weiter wirke.
Im Anschluss ließ Anja Weyers ein Video abspielen, dass mit Schülern aus dem Zündstoff-Projekt und auch mit Eltern entstanden ist. „Das ist eine Schule, in der man lernt zu lernen“, äußerte einer der Schule. Die Zuschauer wurden dabei mit in den Alltag der Schüler genommen, hatten Einblicke in den Werkunterricht, den Bewegungsraum, in den die Jugendlichen sich zwischendurch „austoben“ konnten und vernahmen die Meinungen der jungen Projektteilnehmer, wie „Es ist einfach cool hier“ oder „Ich spiele gerne am DJ-Pult“. Der Film transportierte, wie positiv die Jugendlichen, aber auch ihre Eltern das Projekt erlebten. Anja Weyer transportierte indes, wieviel Herzblut von ihr, aber auch ihrem Kollegen Robert Roleih in Zündstoff steckten.

Meinungsaustausch mit Gästen
Nachdem der offizielle Teil mit Reden und Video zu Ende ging, kamen weitere Gäste zu Wort. Eine Hauptschullehrerin berichtete, dass sie auch schon ins Projekt Zündstoff abgeordnet war. Sie könne bestätigen, dass die Arbeit sehr schön und lehrreich gewesen sei. Das sei eine neue Erfahrung für sie gewesen. „Das ist sehr, sehr schade, dass das jetzt wegfällt. Das ist unglaublich wichtig für die Schüler“, erklärte sie. Peter Knitsch äußerte, dass er nicht nur enttäuscht, sondern auch ein bisschen wütend sei. Er hoffe, dass es nicht nur Lippenbekenntnisse seien, dass man sich um ein Anschlussprojekt bemühen will.
Beigeordneter Michael Pfleging, der ebenfalls unter den Gästen war, antwortete direkt darauf, dass man seit längerem im Gespräch sei und man sich auch gefragt habe, wie es weitergehen könne. Die Verwaltung sei mit Bildung³ in Hilden im Gespräch. „Da ist noch kein Deckel drauf. Wir sind dran und hoffen die Verhandlungen bald abzuschließen.“ Ulrike Stamm-Kopplow verdeutlichte, dass es ein langer Weg mit Zündstoff gewesen sei. Man hätte ein Verfahren finden müssen die Noten die aus Zündstoff kamen, in die Schule aufzunehmen. Die Stadt müsse die Fahrtkosten für die Schüler tragen. Es sei traurig, dass die Kompetenz aus Zündstoff nun verloren gehe. „Vertrauen baut man nicht von heute auf morgen auf“, gab Michael Pfleging zu bedenken und Berthold Santjer betonte noch einmal, dass es eine Regelförderung brauche. Im Kreis müssten, aufgrund der langen Wege mindestens zwei Projekte für Schulverweigerer angesiedelt sein. In Zündstoff seien es überwiegend Schüler aus Erkrath gewesen. Es habe auch Unterstützung aus Ratingen gegeben, aber 1,5 Stunden Anfahrt hätte es für Schüler schwierig gemacht.
Kommentar: Die Projektfinanzierung war in den vergangenen Jahren immer wieder eine Herausforderung. Viele Jahre war Michaela Noll (MdB) Schirmherrin des Projektes und hat sich immer wieder dafür eingesetzt. Im November 2021 übergab sie den Staffelstab an ihren Nachfolger im Bundestag Dr. Klaus Wiener mit einem direkten Tipp zur Akquise finanzieller Mittel für das Projekt: „Sie sitzen ja jetzt an den Geldtöpfen.“
Wiener kritisierte einen Monat später die geplante Umschichtung der ESF Mittel von Projekten für schulmüde Jugendliche hin zu obdachlosen oder von Obdachlosigkeit bedrohten Jugendlichen. Auch Christian Untrieser, damals noch Vorsitzender der Erkrather CDU, äußerte sich im Dezember 2021: „Die neue Regierung darf die Jugendlichen und unsere Stadt ausgerechnet bei einem so wichtigen Sozialthema nicht im Regen stehen lassen.“ (Wir hatten damals auch berichtet, wie sich die Projektfinanzierung zusammensetzt.)
Seit mehr als einem Jahr ist die CDU wieder in der Bundesregierung. Die schulmüden jungen Menschen scheinen in Vergessenheit geraten zu sein und damit auch das Projekt Zündstoff in Erkrath. Dass es gerade diese jungen Menschen sind, die wenn sie wählen dürfen, eher extrem links oder rechts wählen, sollte auch der CDU zu denken geben.

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