Vortrag „Kampf der Lebensmittelverschwendung“

Sie retten Lebensmittel vor dem Müll: Foodsharer © SK

Im Rahmen eines VHS-Vortrages klärte Nachhaltigkeitsberater Dr. Karl-Heinz Ott über Gründe für und Maßnahmen gegen das Verschwenden von Lebensmittel bei Erzeugern, Handel und nicht zuletzt bei uns Verbrauchern auf.

Begleitet wurde der Vortrag mit einer Ausstellung der „Erkrather Tafel e. V.“, die bereits ein paar Tage vor dem Vortragsabend am Dienstag vergangener Woche in den Räumen der Stadtbücherei im Bürgerhaus zu sehen war. „Ich freue mich sehr, hier heute Abend so viele Aktive begrüßen zu können wie die Ehrenamtlichen von ‚Foodsharing‘ und natürlich der örtlichen Tafel,“ so Frau Dr. Ursula Moldon, Leiterin der VHS Erkrath, bei ihrer Begrüßung, in der auch Bedauern mitschwang, denn die genannten bildeten die Mehrheit der Zuhörenden.

Die Themen Nachhaltigkeit und Ressourcen-Schonung nehmen schon länger den ihrer Dringlichkeit entsprechenden Raum im Programm der VHS ein. Ihre kurze Begrüßungsansprache schloss Dr. Moldon mit dem dringenden Appell: „Ich wünsche mir, dass Sie Alle sich von den durch die Kolleginnen von ‚Foodsharing‘ geretteten Lebensmittel etwas mitnehmen und der Tisch heute leer ist, “ so ihre Aufforderung. Denn anders als die Tafel-Organisationen ist das Konzept der ebenfalls bundesweit tätigen „Foodsharing“, dass Jede und Jeder ohne Nachweis einer Bedürftigkeit in den Sammelstellen vorbeikommen und Lebensmittel mitnehmen kann. Diese werden vorab von den Ehrenamtlern im Handel und auch bei Erzeugern davor gerettet, im Müll zu landen, obwohl sie noch zu verwenden sind.

Allerdings haben die Abholer der Tafel-Organisationen generell Vortritt bei der Abholung. „Wir kommen zum Zuge, wenn die Tafel zu viel von etwas erhalten und die Ware bis zum kommenden Ausgabetermin verderben würde“, erklärt Gertraude Hartung-Neumann von „Foodsharing“ aus Mettmann, die enge Zusammenarbeit mit der Erkrather Tafel. „Gern hätten wir auch in Erkrath einen Standort für eine Abholstation. Wir benötigen Platz für ein paar Regale und vielleicht ein, zwei Kühlschränke, die von uns befüllt werden, die Dinge, die nicht mehr zu benutzen sind, ausräumen und alles sauber halten,“ so ihr Wunsch.

18 Mio. Tonnen Nahrungsmittel landen in Deutschland jährlich in der Mülltonne

Diese unvorstellbar hohe – 2015 vom WWF erhobenen – Zahl sorgte nicht als einzige für sichtliches Erschrecken bei den Zuhörenden, auch deren Verteilung auf die einzelnen Beteiligten, ließ sie betroffen zurück: „61 Prozent davon werden  bei uns Kunden vernichtet, im Sinne von: Sie landen im Müll. 17 Prozent gehen in Handwerk und Industrie, 17 Prozent bei Großverbrauchern und gerade einmal 5 Prozent im Handel verloren“, macht der Experte für Nachhaltigkeit deutlich, dass es durchaus an Allen liege. „Was kann ich schon machen“, greife nicht oder wie Dr. Moldon es mit ihrem Schlusswort den Zuhörenden mit auf den Weg gab: „Every little thing counts.“

Was jede und jeder tun kann

Es gibt zahlreiche Gründe dafür, dass in Deutschland 81.6 kg pro Jahr pro Person buchstäblich „für die Tonne“ produziert werden. Diese verteilen sich auf 49 Prozent Obst und Gemüse, 14 Prozent Brot, sowie je 11 Prozent auf Fleisch und Fisch sowie Milchprodukte, der Rest sind Non Food-Produkte. „In Zahlen heißt das: Jede und jeder hätte 235 Euro mehr im Portemonnaie. Neben allen Umwelt- und Nachhaltigkeitsgründen ein weiter Grund, der dafür spricht, sich näher mit dem Thema zu befassen“.
Daher gab es diese Tipps für die Zuhörer: Zum Einkauf nur mit einer Einkaufsliste gehen und sich dafür überlegen, was man in der Woche oder zumindest in den nächsten Tagen kochen möchte. Nicht in die Falle „Sonderangebote“ solle man tappen, zu viel kaufen und dann Produkte wegwerfen müsse. Breiten Raum nahm das „missverständliche“ Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ein. Otts Appell: „Das MHD ist vom Verbrauchsdatum zu unterscheiden, das sich z. B. auf Fleischprodukten findet. Die Betonung sei auf ‚mindestens‘ zu legen. Es bedeutet nicht: ‚ab da gefährlich‘“, überspitzt er und fordert: „Die Geruchs- und Geschmacksprüfung werden zeigen, dass Produkte in den weitaus meisten Fällen auch nach Erreichen des MHDs ohne Gefahr zu genießen sind.“ Eine Definition, die die drei Ehrenamtlichen von „Foodsharing“, die eben solche Lebensmittel, die im Handel aussortiert werden, an alle Menschen, ohne Nachweis von Bedürftigkeit, weitergeben, ohne Abstriche bestätigen konnten. Gemäß ihres Mottos: „Lebensmittel retten“.

Einen ganz praktischen Tipp hatte Dr. Ott auch noch parat: „Bei der Verbraucherzentrale NRW gibt es ein Buch mit dem Titel ‚Kreative Resteküche‘. Und für Menschen, die Internet affiner sind, finden sich dort zahlreiche Seiten, auf denen man eingibt, was man noch zuhause hat, und dann einen individuellen Vorschlag erhält, was sich aus den Resten noch zubereiten lässt.“

Erzeuger und Handel

„Fünf Konzerne beherrschen den weltweiten Getreidemarkt und damit die Produktion von Grundnahrungsmitteln wie Weizen, aber auch den von Fetten und Schokolade. In Deutschland sind es 10 Konzerne, die den Markt für Lebensmittel unter sich aufgeteilt haben. Damit diktieren sie die Angebotspalette“, bringt Ott auf den Punkt, wie schwer es die Politik, ob Deutschland- oder weltweit, hat, Einfluss darauf zu nehmen, dass nicht wie bisher etwa ein Drittel der Nahrungsmittel-Produktion weltweit umsonst produziert würden.
„Die letzte Bundesregierung hat beschlossen, die Lebensmittel-Verschwendung um 50 Prozent zu reduzieren“, so Ott, der hofft, „dass es nicht bei Worten bleibt, und auch die Nachfolgeregierung dieses Ziel verfolgen wird.“.

Vergeudung als Oberbegriff

„Auf der Seite von Anbau, Verarbeitung und Transport spreche man unter Fachleuten von ‚Verlust‘, bei Handel sowie privaten und gewerblichen Konsumenten hingegen von ‚Verschwendung‘“, führte Dr. Karl-Heinz  Ott bei seinem Vortrag aus. Der Oberbegriff sei „Verschwendung“ für die Massen an Nahrungsmitteln, die zwar produziert, dann aber, weil sie nicht der Norm entsprächen, direkt vernichtet, auf dem Transport verdürben oder aus anderen Gründen, nie beim Verbraucher zu Verzehr landen würden. Zwei weitere erschreckende Zahlen lieferte Ott auch noch zum Nachdenken: 8 Prozent der globalen Co²-Emissionen und 25 Prozent des Wasserverbrauchs hätten vermieden werden können, wären diese „vergeudeten“ Lebensmitteln gar nicht erst erzeugt worden!

Weitere Infos zum Thema „Kampf der Lebensmittelverschwendung“

Folgende Organisationen kümmern sich darum, dass produzierte und auch zubereitet Lebensmittel im wahrsten Sinne „zum Verzehr gerettet“ werden: “Foodsahring e. V.“ sammelt Lebensmittel und gibt sie ohne eine erforderliche Berechtigung gegen einen Obolus weiter, siehe: www.foodsharing.de. Auf der Website von „Too-good-to-go“ bieten Restaurants, Kantinen und Caterer überzählige Mahlzeiten zum Abholen an, siehe: www.toogoodtogo.de. Auch auf der Website der verschiedenen „Verbraucherzentralen“ der Bundesländer finden sich Tipps zur Vermeidung der „Vergeudung“ von Lebensmitteln.

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