Mit dem 9-Euro-Ticket in den Südschwarzwald

Reisebericht von Markus Lenk

Rückfahrt ab Mainz. Foto: ML

“Ob Ihr da überhaupt ankommt?”, hatten Bekannte skeptisch gefragt, als Markus Lenk von seinen Reiseplänen mit dem 9-Euro-Ticket erzählt hatte. Was er erlebt hat, hat er für unsere Leser zusammengefasst.

Vielen Dank an Markus Lenk für diesen Erfahrungs-/Reisebericht.

Das persönliche Chaos blieb aus

„Mutig“ sagte man zu uns, als wir von unserem Plan erzählten mit dem 9-Euro-Ticket in den Südschwarzwald zu reisen. „Mutig“ wegen der Nutzung des Regionalverkehrs, denn der hat keinen guten Ruf. Mit Regionalzügen nach Seebrugg bedeutet rund 10 Stunden Fahrt und mindestens sieben Mal umsteigen. Im Sommer! In „9-Euro-Ticket vollen Zügen“! Mit Gepäck! Und dann die Verspätungen! „Ob ihr da überhaupt ankommt?!“

Hinfahrt

Los ging es morgens um 7:18 an einem Feiertag vom S-Bahn Halt Hochdahl. Der Plan: S8 nach Düsseldorf, RE5 nach Koblenz, RE17 nach Hochspeyer, S2 nach Neustadt an der Weinstraße, RE6 nach Karlsruhe, RE2 nach Offenburg, RB26 nach Freiburg und schließlich S1 nach Seebrugg standen auf dem Plan. Überall Umsteigezeiten zwischen 8 und 15 Minuten (in Neustadt war etwas mehr Zeit).Die geplante Ankunft in Seebrugg war 17:25. Wir hatten uns ausgerechnet, dass jede Zugverspätung und jeweils eine Stunde Verspätung am Zielort einspielen würde. Schlimmstenfalls sollten wir in Freiburg abgeholt werden, falls es zu spät werden sollte.

Die guten Nachrichten zum Regionalzugverkehr: Wir haben ALLE Anschlusszüge bekommen und sind ohne Verspätung in Seebrugg angekommen. Wir hatten (bis auf die erste Strecke nach Koblenz) immer einen Sitzplatz. Die Züge waren voll, es gab eine bunte Mischung aus „normalen“ Reisenden, Ausflüglern, Fahrradtouristen mit Rad, offensichtlichen Urlaubern mit viel Gepäck. Aus den Gesprächen konnte man entnehmen, dass Viele mit dem 9-Euro- Ticket unterwegs waren und die „Erfahrung Regionalbahn“ bei einigen neu war. Die Menschen waren entspannt und hatten sich bereits im Vorfeld auf eventuelle Unbequemlichkeiten wie fehlende Sitzplätze vorbereitet. „Ich probiere das mal aus, so günstig kommt man ja sonst nie von xxx nach yyy“ war sicher der häufigste Satz, den wir hörten. Unsere Ankunft in Seebrugg war pünktlich.

Rückfahrt

Die Rückfahrt 10 Tage später an einem Montag (in Ba-Wü waren noch keine Ferien) hatte einmal Umsteigen weniger auf dem Plan. Etwas „riskanter“ die Reisezeit: Abfahrt ab 10:31 in Seebrugg, geplante Ankunft 20:19 in Hochdahl. Die Idee war, den normalen Berufs-Pendlerverkehr um Köln/Bonn und Düsseldorf zu umgehen (was prima geklappt hat). Weil die S8 in den NRW Ferien komplett eingestellt ist, ging es nicht über Düsseldorf sondern über Haan. Die Strecke: Von Seebrugg mit S1 nach Freiburg, RB26 nach Offenburg, RE2 nach Karlsruhe, RB26 nach Bonn Mehlem und RB48 nach Haan (von dort per 786 zum Hochdahler Markt). Es gab auf jeder Teilstrecke einen Sitzplatz. Je näher man dem Rhein-Ruhr Gebiet kam, desto voller wurde es. Überfüllt war es zu keinem Zeitpunkt. Großes Plus bei der Rückreise: Bei jedem Umstieg ging es ab Abfahrtort der jeweiligen Bahnen.damit gab es kein Umsteigen in einen bereits vollen Zug sondern freie Sitzplatzwahl. Auch bei dieser Strecke gab es (fast) keine Verspätungen, kein Anschlusszug wurde verpasst. Nur der RB48 fing sich dann auf dem Streckenabschnitt von Bonn nach Haan rund 20 Minuten Verspätung ein (überwiegend weil „schnellere Züge“ vorbeigelassen wurden).

Den vorletzten 786 von Haan zum Hochdahler Markt hatte ich dann verpasst und musste 50 Minuten warten. Eine junge Frau wartete mit mir. Sie hatte den Bus offensichtlich auch verpasst. Als der Bus kam, sagt sie: “Um diese Uhrzeit fühlt man sich unsicher, wenn man an der Bushaltestelle lange warten muss. Besonders als junge Frau!“ Über Sicherheit durch den ÖPNV hatte ich die ganze Strecke nicht nachgedacht. Aber Recht hat Sie. Ein gut ausgebauter ÖPNV dient auch der Sicherheit. Auch der 786er sollte immer mindestens im 30-Minuten-Takt fahren.

Aufgefallen ist …

  1. Die Maskenpflicht in den Zügen wurde weitgehend eingehalten, bei den wenigen Vergesslichen halfen die Mitreisenden durch freundliche Hinweise. Ich bin übrigens nicht erstickt.
  2. Mitgenommene Fahrräder (die sind nicht im 9-Euro-Ticket enthalten) machen volle Züge nicht bequemer. Ganz früher gab es mal Extrawagen an den Zügen für Fahrräder. Vielleicht eine gute Idee auch für heute?
  3. Auf den insgesamt 15 Teilstrecken wurde nur 3 Mal der Fahrschein kontrolliert.
  4. Für mich als Raucher sind die kurzen Umsteigezeiten dann doch kritisch…
  5. Ein Zugführer, der sich durch ein volles Abteil zum Führerstand drängte, bemerkte laut: „Für 9-Euro- die Seele verkaufen!“. Er hat uns trotzdem heile zur nächsten Umsteigestation gebracht – und die Seele hab ich noch.

Schlussbemerkung

Die lange Strecke mit dem häufigen Umsteigen hat nicht abgeschreckt. Jederzeit wieder … und noch stehen die „9-Euro-Chaostage auf Sylt“ auf dem Plan.

Das 9-Euro-Ticket ist eine soziale Erfolgsgeschichte: Für rund 14 Millionen Inhaber:innen von regulären Nahverkehr-Abos ist der Preis drastisch reduziert. Dazu kamen im Juni 21 (!) Millionen zusätzlich verkaufte Tickets. Nach ersten Zählungen haben über 50% mehr Menschen die Regional- und S-Bahnen genutzt – auch für Fahrten zu Ausflugszielen und in den Urlaub. Fahrten, die sonst vielleicht zu teuer wären.

Die Menschen sind bereit, in den ÖPNV einzusteigen – wenn er denn bezahlbar und vorhanden ist. In Berlin zum Beispiel wurden 90% weniger „Schwarzfahrer:innen“ geschnappt. Für das „auf-ÖPNV-umsteigen“ langt es (noch) nicht: Eine Reduzierung des individuellen PKW Verkehrs wurde bundesweit nicht beobachtet.

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