Mehr als drei Stunden Infos zur Fernwärme

Archivfoto: LW

Über die Zukunft der Fernwärme erfuhren Betroffene zu Beginn der Woche, was künftig geplant ist, aber auch, wie sich die Gaspreisentwicklung aktuell auf den Fernwärmepreis auswirken wird.

“Wir haben uns für die Stadthalle entschieden, weil nicht abschätzbar war, wie viele Bürgerinnen und Bürger der Einladung folgen würden”, erklärte uns Stadtwerke Geschäftsführer Gregor Jeken vor Beginn, warum die Veranstaltung, die vor allem Hochdahler Bürger betrifft in Alt-Erkrath stattfand. Schnell füllten sich die Plätze in der Stadthalle. Das Interesse ‘endlich mehr zu erfahren’, war offensichtlich groß.

Vorträge mit ‘geballter Information’

Das Programm war von 18 bis 21 Uhr geplant, dauerte am Ende sogar noch etwas länger, damit alle Fragen der Bürger in der Diskussion behandelt werden konnten. Der Anfang machte Gregor Jeken, der den Besuchern noch einmal einen kurzen Abriss zur Übernahme der Fernwärme und die Entwicklung der Stadtwerke im Allgemeinen gab. “Heute sind wir ein Multi-Utility-Unternehmen.” Nach der Übernahme der Fernwärme im November 2021 haben die Stadtwerke das Fernwärmenetz noch ein Jahr an E.ON verpachtet, sodass die eigentliche Übernahme der Kundenverträge erst mit Ablauf dieses Jahres erfolgt. Da die Stadtwerke Rechtsnachfolger sind, behalten alle Verträge ihre Gültigkeit. Mitte November werden alle Kunden mit den notwendigen Informationen von den Stadtwerken und E.ON gemeinsam angeschrieben und ab dem 1. Januar 2023 sind die Stadtwerke alleiniger Ansprechpartner für die Fernwärmekunden. Das Übergangsjahr sei notwendig gewesen, um die Integration der Prozesse (Buchhaltung, Abrechnung, Technik) zu ermöglichen, wurde aber auch aktiv genutzt. Ein Strategieteam zur ‘Zukunft der Fernwärme’ wurde gebildet, dass sich auf Vertretern der Stadtwerke, kommunalen Vertretern und einem Expertenkreis zusammensetzt.

“Eigentlich wollten wir heute ausschließlich über die Zukunft der Energie sprechen, aber leider spielen die Märkte so verrückt …”, kam Gregor Jeken auf die steigenden Energiekosten. “Der Preis der Fernwärme ist ans Gas gekoppelt. Es gibt für alle Anbieter keine Möglichkeit, sich dem zu entziehen”, erklärte Jeken. Marcel Malcher (Vorstand BBH Consulting) erläuterte die Entwicklungen am Markt sowie die Auswirkungen des Green Deals und zeigte die Abhängigkeiten zwischen Strom- und Gaspreisen sowie die Einflussfaktoren auf die Energiepreise auf. Was alle schon irgendwie geahnt hatten, ist der Preissprung, der sich aktuell beim Gaspreis ergibt. Ist der Preis von 2016 bis 2019 gerade einmal um 6,6 Prozent gestiegen, stieg er von 2019 bis jetzt um 377,9 Prozent und die geplante Gasumlage kommt noch oben drauf. So richtig aufgeregt hat sich allerdings keiner der Besucher. Was Marcel Malcher in Zahlen darstellte, die ‘weh taten’, betrifft eben nicht nur die Fernwärmekunden, sondern alle Bürger, die mit Gas heizen. Wenn die Entwicklung an den Energiemärkten bis Jahresende so weitergehe, könne sich der Gaspreis gegenüber 2019 bis dahin verfünffacht haben. Aktuell erfolgt die Wärmeeinspeisung in Hochdahl über ein Erdgas-Blockheizkraftwerk, einen Erdgaskessel und ein Biomethan-Blockheizkraftwerk, die rund 93 MW Leistung erzeugen und damit 120 GWh Wärme pro Jahr.

Was lässt sich wie schnell ändern, um die Preise abzufedern?

Im weiteren Verlauf erfuhren die Besucher ein wenig über das Fernwärmenetz selbst, verlegte Rohrleitungssysteme, das Primär- und das Sekundärnetz und welche Überlegungen es gibt kurz-, mittel- und langfristig etwas zu verändern. Bessere Isolierungen der Rohrleitungen und die Absenkung der Vorlauftemperatur sind Bausteine, der sich vielleicht schon kurz bis mittelfristig umsetzen lassen, um den Gasverbrauch und damit die Kosten zu senken.

Grundsätzlich geht es aber natürlich darum, sich langfristig aus der Gasabhängigkeit zu befreien und das Fernwärmenetz langfristig zu dekarbonisieren. Das Strategieteam hat dafür vieles erwogen. Den Besuchern der Infoveranstaltung gab Marcel Malcher einen kurzen Überblick, über die Bausteine für ‘erneuerbare Wärme’, die das Strategieteam betrachtet hat. Dazu gehören Wärmepumpen, ‘Power to Heat’, Abwärme, Solarthermie, KWK Anlagen mit Biogas, Elektrolyseur, Windkraftanlagen, Biomasseverwertung, Geothermie, Wärmespeicher, Photovoltaik und weitere Ideen.

Prof. Mario Adam (Leiter des ZIES Zentrum für Innovative Energiesysteme) zeigte den Ist-Zustand der Fernwärme in Hochdahl, die 8.500 Kunden mit Fernwärme versorgt, auf. Er erklärte mit welchen Alternativen dekarbonisierte Fernwärmenetze betrieben werden können und gab einen Überblick über Möglichkeiten Energie einzusparen und zu erzeugen. Die Gebäudesanierung sei ein wichtiger Baustein, denn die senke den Energiebedarf. “Die Sanierungsquote in Deutschland liegt bei nur 1 Prozent”, machte er deutlich, wie viel Potential zur Energieeinsparung allein in diesem Bereich liegt. Wenn bis 2045 die Sanierungsquote jährlich bei 2 Prozent läge, könnte der Wärmebedarf um 23 Prozent sinken. Im Mittel würden in jedem sanierten Gebäude 60 Prozent Energie eingespart.

Adam zeigte auch auf, wie sich die Fernwärme in Deutschland bis 2050 verändern wird. “Pellets sind eigentlich viel zu wertvoll”, erklärte er, dass deren Einsatz in der Energie- und Wärmegewinnung nicht sinnvoll sei. Auch Biomasse sei in Deutschland nicht die ‘große Lösung’. Selbst die Verwendung von Pferdemist zur Biogaserzeugung wurde betrachtet, deren Anteil gemessen am Gesamtbedarf, hier in Hochdahl aber sehr gering wäre. Solarthermie mit saisonalem Wärmespeicher hingegen scheint als Betrag für die Fernwärme geradezu prädestiniert. Er stellte die Wärmeerzeugung mit Wärmepumpen vor und gab einen Überblick über Vor- und Nachteile synthetischer Brennstoffe. Schließlich zeigte er die Zeitabhängigkeit der verschiedenen Möglichkeiten einschließlich Tiefen-Geothermie auf, bevor Prof. Dr. Rolf Bracke, Leiter des Fraunhofer IEG, auf diese in seinem Vortrag näher einging.

Geothermie

Prof. Bracke erklärte die verschiedenen Erdschichten und den flüssigen Erdkern und den Unterschied von oberflächennaher Geothermie und tiefen geothermischen Systemen und den Thermalwasserschichten, die zwischen 100 und 5.000 Meter Tiefe liegen können. Anhand von Karten demonstrierte er, wo in Erkrath welche Potentiale für Erdwärmesonden liegen. Auch über die hydraulische Leitfähigkeit der Gesteine bei der Tiefen-Geothermie erfuhren die Besucher etwas. Potentiale für die Tiefen-Geothermie bieten die devonzeitlichen Riffkalke, die in unserer Region verbreitet sind. Er gab auch Beispiele über bereits umgesetzte Projekte, oder Projekte, die sich in der Planung und Umsetzung befinden. Die Stadt München habe hier eine Vorreiterrolle eingenommen, aber auch in unserer Region tut sich einiges, wie er anhand des Energie-Campus-Bochum vermittelte.

Die Datenlage zu den Potentialen in unserer Region ist eher gering, weil man sich lange Zeit auf die Kohlevorkommen konzentriert hat. In Erkrath müsse geprüft werden, wie weit die devonzeitlichen Riffkalke hereinragen. Hier müsse man erst einmal bis 1.000 Meter Tiefe bohren und dann schauen. Dabei gibt es Bereiche, die ausgenommen sind, weil sie Wasserschutzgebiete sind. Man müsse auch schauen, welche Wärmepumpentechnik nötig wäre, um auf die Netztemperatur zu kommen. Dann müsse eine Kosten-Nutzen-Rechnung erfolgen. Unter Berücksichtigung von Berg- und Wasserrecht müsse mit einer Zeit von 5 Jahren geplant werden, bevor Tiefen-Geothermie zum Einsatz kommen könnte.

Fernwärme in Erkrath

Anschließend ging Gregor Jeken noch einmal auf das Fernwärmenetz in Erkrath ein und erklärte die nächsten Schritte in der Übernahme, aber auch was technisch kurzfristig zu Ertüchtigung des Netzes noch geschehen soll. “Fernwärme hat Potential”, prognostizierte er für die Zukunft und schloss auch nicht aus, dass man diese eines Tages auf ganz Erkrath ausdehnen könne, um Preise und Versorgung vor Ort langfristig sicherstellen zu können.

Besucherfragen

Ein Besucher merkte an, dass die Fragen zur Finanzierung der Dekarbonisierung offen seien. Er befand den Zeitpunkt der Übernahme als ungünstig. “Vielleicht hätte man noch ein Jahr länger an E.ON verpachten sollen.” Gregor Jeken antwortete, dass das an den Preisen nichts ändern würde. “Wir werden alles daran setzen schnell wieder bezahlbare Preise zu erreichen”, versprach er. Ein anderer Besucher wollte wissen, ob die Strategie nun Geothermie und Wärmepumpen seien, worauf ihm Marcel Malcher antwortete, dass es ein deutlicher Mix werde. Der Wunsch sei, bis 2030 das Fernwärmenetz umgebaut zu haben. “Das hängt natürlich auch von den Bohrungen in die Tiefe und den ergänzenden einzelnen Bausteinen ab.” In Bochum habe der Prozess drei Jahre gedauert. Wenn aber seismische Erkundungen notwendig seien, könnte es nochmals 3 Jahre dauern. Der Preis sei auch abhängig von der Förderung.

Auch Ralf Lenger von der FDP machte sich Sorgen über die Kosten. “Wir von der FDP und die BmU waren gegen die Übernahme”, machte er noch einmal deutlich. Sorgen machte er sich auch darüber, wie man das organisatorisch schaffen wolle. “Wir hätten das Netz gerne noch früher übernommen. In der Vergangenheit wurde nicht in das Netz investiert. Seit Januar arbeiten wir an der Strategie zur Zukunft der Fernwärme”, antwortete Gregor Jeken und verwies noch einmal darauf, dass die Fernwärme zur Daseinvorsorge zähle. Zur Finanzierung verwies er darauf, dass die Bundesregierung Fernwärme fördert. “Ich bin guter Dinge. Wir haben ein gutes Team”, kommentierte er die Sorge ums organisatorische. Marcel Malcher ergänzte: “Es ist nichts besseres, als Daseinsvorsorge in kommunaler Hand.”

Ein Besucher wollte wissen, ob – wenn man von einer Planung von 5 bis 10 Jahren ausgehe – das Gas bis dahin sicher sei. “Aktuell wird Gas ja noch geliefert, aber wir haben natürlich auch Alternativen überlegt. In der Vergangenheit wurde die Fernwärme mit Öl erzeugt, die Möglichkeit zur Umstellung wird bei E.ON erfragt” erklärte Gregor Jeken. Momentan habe man keine Möglichkeit schnell etwas zu ändern. “Wir müssen alle gemeinsam sparen, um den Winter zu überstehen.” Weitere Fragen gingen zum Teil sehr ins Detail und kamen von Hausbesitzern.

Gregor Jeken sagte zur zeitlichen Planung, dass der erste Baustein in der Gesamtstrategie, die aus vielen Einzelbausteinen besteht, sei so schnell wie möglich in Solarthermie einzusteigen. Er versprach auch, dass dies nicht die letzte Infoveranstaltung sein werde. “Ich bin begeistert, ich habe heute nicht mit soviel Publikum gerechnet. Das war eine ganz tolle Diskussion und der Umgang miteinander vorbildlich”, bedankte er sich bei den Besuchern und ergänzte “Wir wollen Sie weiter auf dem Laufenden halten.”

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