
„Sozial. Lokal. Deine Wahl!“ Mit diesem Slogan hat die Liga der Wohlfahrtsverbände im Kreis Mettmann eine Kampagne zur bevorstehenden Kommunalwahl entwickelt, die darauf aufmerksam machen soll, dass zu einer funktionierenden Demokratie auch das soziale Gleichgewicht gehört.
„Soziale Ungleichheit gefährdet Demokratie“ titelt ein Artikel auf Forschung und Lehre, der im November 2023 erschien. Er bezieht sich auf eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Viele soziale Angebote werden durch sogenannte freiwillige Leistungen der Kommunen unterstützt und die sind bei leeren Haushaltskassen und drohender Haushaltssicherung massiv in Gefahr.
Die Liga der Wohlfahrtsverbände, eine Arbeitsgemeinschaft bestehend aus AWO, Caritas, Der Paritätische, Deutsches Rotes Kreuz und Diakonie, wirbt deshalb dafür bei der Wahl Soziales im Blick zu behalten. Mit Mit Kitas, Pflegeeinrichtungen, Beratungsstellen und zahlreichen weiteren sozialen Diensten bieten sie eine verlässliche Infrastruktur in sozialen Bereichen in den zehn Städten des Kreises und sind mit mehr als 8.000 Mitarbeitenden auch ein starker sozialer Arbeitgeber. Welchen Wirtschaftsfaktor das hat, zeigte vor kurzem eine Studie der Uni Wuppertal, die die Wertschöpfung daraus darstellte. Mit der gemeinsamen Kampagne „Sozial. Lokal. Deine Wahl!“ wollen sie zur Kommunalwahl am 14. September ein deutliches Zeichen für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen, Soziales wieder in den Fokus nehmen. Es bestehe ein großer Bedarf, der in einigen Bereichen noch weiter wächst, erklärten die Vertreter der Verbände auf einer gemeinsamen Pressekonferenz.
Alles selbst entwickelt
Eine Besonderheit: Die eingängige Kampagne ist nicht etwa von einer teuren Werbeagentur entwickelt worden, Helene Adolphs, Christina Brockelmann und Svenja Weidauer-Ihln, alle drei in der Öffentlichkeitsarbeit der Verbände tätig, haben sie gemeinsam entwickelt. Auch die Fotomodelle sind nicht gekastet, sondern ganz reale Mitarbeiter in den Einrichtungen oder Besucher derselbigen. Dennoch wirkt diese Kampagne, wie aus der Hand eines Profis. „Vielen Dank an die Drei. Andere bezahlen teure Agenturen, wir haben die kreativen Köpfe im Haus“, freut sich Bastian Pallmeier über das Ergebnis.
„Wir bedanken uns bei der Geschäftsleitung, die das Vertrauen hatten und uns einfach machen lassen haben“, gab Helene Adolphs den Dank zurück. Die drei hätten noch nie vorher in der Konstellation zusammengearbeitet. Wichtig wäre ihnen gewesen, dass sie alle Zielgruppen gleichermaßen ansprechen. Für die Kampagne haben sie die Menschen in den Einrichtungen angesprochen und gefragt, ob sie mitmachen. „Anfangs hatten wir Sorge, dass wir den Monat nicht füllen können“, sagt Helene Adolphs.
Geplant waren von Mitte August bis zur Wahl jeweils von montags bis freitags einen Post zu veröffentlichen. Am Ende waren es so viele, dass sie auch noch den Samstag hinzugenommen haben. Dass es in der Kampagne Menschen sind, die es betrifft, als Mitarbeiter oder als Besucher, macht die Kampagne so authentisch. „Die Menschen hatten viel zu sagen“, erzählt Svenja Weidauer-Ihln. Das sei inspirierend gewesen. Neben den täglichen Instagram-Posts wurden auch Plakate und Postkarten gedruckt, die an die Einrichtungen verteilt wurden, um auch die Menschen zu erreichen, die weniger digital unterwegs sind.
Die insgesamt sechs Farben, die den Motiven zugeordnet wurden, stehen für jeweils einen Themenbereich. Blau steht für Alter & Gemeinschaft, Grün für Kinder- und Jugendangebote, Orange für Beratungsangebote für alle Lebenslagen, Gelb für Migration, Integration & Inklusion, Pink für Bezahlbaren Wohnraum und Rot schließlich für den Aufruf „Wählen gehen – Demokratie stärken“.


Für etwas sein und nicht dagegen
„Uns ist wichtig, dass wir für etwas sind, nicht gegen etwas“, betont Bastian Pallmeier, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft. Auf keinen Fall wolle man die Schiene der Hassreden fallen. „Wir wollen die Demokratie und den Sozialstaat erhalten“, führt Pallmeier weiter aus. Mit der Kampagne wolle man Menschen dazu aufrufen zu wählen, die Stimme, die sie haben, auch zu nutzen und damit Entscheidungen, die unmittelbare Auswirkungen auf ihr Leben haben, zu beeinflussen. Denn: Alles was in den Kommunen freiwillig ist, kann gekürzt werden. „Wir brauchen politische Partner, die unser Menschenbild teilen“, so Pallmeier.
Soziale Infrastruktur in Gefahr?
Gerade bei Entscheidungen, die in den Stadträten oder auch im Kreistag getroffen werden, sind schnell unmittelbare Auswirkungen spürbar. In Mettmann hatte es vor einiger Zeit schon die Schuldnerberatung getroffen. „In allen Kommunen, die kurz vor der Haushaltssicherung stehen, können solche Kürzungen zu deutlichen Einschränkungen der Beratungsangebote führen“, so Bastian Pallmeier. „Unsere Beratungsstellen sind wichtige Anlaufstellen“, ergänzt Ute Feldbrügge (Kreisgruppengeschäftsführerin Der Paritätische). Diese finanzieren sich häufig aus Haushaltsmitteln der Städte, einige aus Kreismitteln und zusätzlich aus Spenden und Zuwendungen von Stiftungen. Neben der Schuldnerberatung, seien das auch Suchtberatungsstellen, die Schwangerschaftskonfliktberatung und weitere.
Ein Thema, mit dem die freien Wohlfahrtsverbände immer wieder konfrontiert werden, ist das Fehlen von bezahlbarem Wohnraum. „Das betrifft die Menschen, die zu uns in die Beratung kommen und unsere Mitarbeiter gleicher Maßen“, erklärt Pallmeier. „In den Städten Mettmann, Haan und Erkrath gibt es derzeit 163 Wohnungslose“, ergänzt Hans-Werner Wolff (Vorstand Caritas im Kreis Mettmann). Die Caritas betreibt nicht nur die Wohnungslosenhilfe in Mettmann, sie ist auch in der aktiven Vermietung und im sozialen Wohnungsbau tätig. Auch Sozialberatung rund um Wohnen gehöre dazu, bespielsweise bei erhöhter Gasrechnung. „Dann unterstützen wir bei der Beantragung von Transferleistungen“, so Wolff.
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Kinder- und Jugendhilfe. „Wir sind in der Familienbildung tätig, bieten kostenfreie Eltern-Kind-Beratung in allen Wohlfahrtsverbänden“, erklärt Heike Trottenberg (stellv. Kreisgeschäftsführerin DRK u. Familienbildungswerk). Familienbildung sei nicht immer auskömmlich finanziert. „Wir sind immer wieder gefordert mit den Kommunen nachzuverhandeln“, so Trottenberg. Aber dafür brauche es starke Kommunen. Ein Problem sei derzeit auch, dass nicht mehr in allen Kindertageseinrichtungen jeder U3-Platz besetzt sei. „Wie geht die jeweilige Stadt damit um? Zahlt sie weiter, als wenn alle Plätze besetzt sind?“, zeigt Hans-Werner Wolff ein Problem auf, bei dem einen Finanzierungslücke entsteht. Ein Lösungsansatz wäre die Umwandlung von U3-Plätzen zugunsten der Kindertagespflege.


Migration als Bereicherung sehen
Bastian Pallmeier bedauert, dass das Thema Migration und Integration inzwischen vielfach so negativ besetzt ist. „Uns ist wichtig, dass Deutschland weiter ein Staat ist, in dem Menschen willkommen sind.“ Die Wohlfahrtsverbände stehen für eine offene und bunte Gesellschaft. Das diese Einstellung allen Menschen hier im Land „gut zu Gesicht stünde“, zeigt sich daran, dass 90 Prozent der Bewerbungen im Bereich Pflege bei den Wohlfahrtsverbänden mittlerweile aus dem Ausland kommen. Anders ausgedrückt: Ohne die Menschen, die bereit sind, sich aus dem Ausland für die Pflege in Deutschland zu bewerben, würden wir alle sehr schnell spüren, was Pflegenotstand ist. Auch in der Integration Geflüchteter sind die Wohlfahrtsverbände mit verschiedenen Angeboten unterwegs, beraten in kommunalen Unterkünften auch zu Schulen und stellen Schulsozialarbeiter.
Das große Thema Einsamkeit und die Begegnungsstätten
Zunehmende Einsamkeit betrifft nicht nur Ältere haben wir inzwischen gelernt. Aber es betrifft sie in besonderer Weise, denn ohne Kontakte und Gründe „rauszugehen“, setzt der Alterungsprozess, der Abbau kognitiver Fähigkeiten schneller ein, bzw. schreitet schneller voran. Soziale Isolation sei einer der Risikofaktoren, die die Entstehung einer Demenz begünstigen, berichtet etwa die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Das macht vielleicht verständlich, warum Begegnungsstätten einen so hohen Stellenwert haben, aber gerade sie stehen und fallen mit sogenannten „freiwilligen Leistungen“.
„Es gibt 41 Begegnungsstätten im Kreis Mettmann. 20 davon werden von den Wohlfahrtsverbänden betrieben“, erklärt Hans-Werner Wolff. Einst vor allem als Treffs für Ältere entstanden, sind sie inzwischen eher Stadtteiltreffs und damit auch für einsame Menschen aller Altersklassen eine Anlaufstelle. Die Finanzierung seitens des Kreises bewege sich auf einem stabilen Niveau, den Städten sei selbst überlassen, wieviel Zuschuss sie zahlen. „Wir glauben, dass das dauerhaft notwendig ist“, so Wolff. Einsamtkeit seit inzwischen ein großes Thema auch für Jüngere. Die Begegnungsstätten lassen sich aber nur mit einer verlässlichen Finanzierung betreiben.
Beispiel: AWO-Treff in Hochdahl
Wir haben einmal nachgefragt. 50 bis 70 Menschen besuchen täglich den AWO-Treff Hochdahl. An manchen Tagen sind es sogar 100. „Bei der Kleidertauschbörse sind es sogar schon 180 gewesen“, sagt uns Silke Dietz, Leiterin des AWO-Treffs. Für die Besucher ist der AWO-Treff der soziale Kontaktpunkt. Hier stellen sie Fragen, suchen Hilfe, pflegen gemeinsame Hobbies oder engagieren sich selbst ehrenamtlich und fühlen sich gebraucht. Manch einem hilft die Betätigung dabei den Verlust des Partners zu kompensieren. „In der Pandemie konnte man sehen, dass viele abgebaut haben, weil sie nicht mehr regelmäßig herkommen konnten“, erinnert sich Silke Dietz. Da habe auch der Telefondienst, den man ins Leben gerufen hatte, nur bedingt helfen können.
In Erkrath könnte die städtische Finanzierung wegbrechen
Es ist gerade einmal eine Woche her, da verkündete die Stadt, dass sich ein Haushaltsdefizit von 25,5 Millionen Euro für das laufende Jahr – 10 Millionen Euro mehr als im bereits angespannten Nachtragshaushalt 2025 vorgesehen – abzeichnet. In der Pressemitteilung der Stadt heißt es darüber hinaus: „Konkret bedeutet dies, dass alle Projekte und Maßnahmen auf ihre Notwendigkeit und Priorität verschärft überprüft werden. Zudem prüft die Stadtverwaltung begleitend zur Einbringung des Doppelhaushalts 2026/2027 auch die Erstellung eines Haushaltssicherungskonzeptes. Ein solches Konzept ist nach aktueller Rechtslage zwingend erforderlich, wenn Verluste in einer Größenordnung drohen, die die zulässigen Grenzen des Rücklagenverzehrs überschreiten.“
Die soziale Infrastruktur in Erkrath, zu der auch die Begegnungsstätten (AWO-Treff Hochdahl, Caritas Begegnungsstätte Gerberstraße in Alt-Erkrath, Begegnungsstätte Alt und Jung in Hochdahl) gehören, könnte also deutlich brüchiger werden.
Sozial. Lokal. Deine Wahl!
„Jeder und Jede von uns ist von sozialen Themen betroffen“, verdeutlicht Bastian Pallmeier. „Uns ist bewusst, dass es Kreis und Städte nicht leicht haben. Wir stehen bereit, um gemeinsam kreative Lösungen zu finden.“ Zur Wahl erinnert er daran, dass jeder Wähler mit seiner Stimme direkten Einfluss nehmen kann.
Liga der Wohlfahrtsverbände im Kreis Mettmann
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