
Stephan Frank hat für unsere Leserinnen und Leser den Roman „Halbe Leben“ von Susanne Gregor rezensiert.
Susanne Gregor, 1981 in der Slowakei geboren, zog 1990 nach Österreich und lebt in Wien. Sie studierte Germanistik und Publizistik. Sie veröffentlichte neben Erzählungen bislang fünf Romane, für die sie einige Auszeichnungen erhielt.
Ihr neuer Roman „Halbe Leben“ befasst sich mit einem in Österreich, aber auch in Deutschland verbreitetem Thema, nämlich der Inanspruchnahme osteuropäischer Pflegekräfte für die Ganztagsbetreuung pflegebedürftiger Angehöriger.
Paulina heißt die slowakische Pflegekraft, die sich entschließt, ihre schlecht bezahlt Stelle als Krankenschwester gegen den gut dotierten Job als Ganztagspflegekraft in einer Familie in Österreich einzutauschen. Sie ist geschieden und ihre beiden zehn- bzw. sechzehnjährigen Söhne bringt sie während ihrer Abwesenheit bei der Schwiegermutter unter. Sie teilt sich im vierzehntägigen Rhythmus die Aufgabe mit einem ebenfalls slowakischen Pfleger. Sie kümmert sich um eine ältere Dame, eine ehemalige Lehrerin, die nach einem leichten Schlaganfall und mit beginnender Demenz der Pflege bedarf. Sie wohnt inzwischen bei der Familie ihrer Tochter, Klara. Diese ist eine ebenso erfolgreiche wie ehrgeizige Architektin, die eigentlich nur für ihren Beruf lebt. Sie hat eine elfjährige Tochter sowie einen Ehemann, der sich, wenig ambitioniert, als Amateurfotograf betätigt.
Gleich im ersten Kapitel erfahren wir, dass Klara bei einer Wanderung abstürzt und stirbt, während Paulina, die sie begleitet, nur recht zögerlich sich um Hilfe bemüht. In den folgenden Kapiteln erfahren wir, wie es zu dieser Situation kommen konnte.
Die beiden Frauen, Klara und Pauline, könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Klara sich beruflich verwirklichen kann und ihre Familie stets nur an zweiter Stelle kommt, hat Paulina keine Chance, ihre Bedürfnisse zu befriedigen: Aus Geldmangel verdingt sie sich – als geschiedene Frau – als Pflegekraft im Ausland fern ihrer Restfamilie und trägt somit zum vermeintlichen Glück der anderen bei.
Damit ist dieser Roman aber auch ein Text zum Thema Entfremdung und Ausbeutung. Wie gehen wir in abhängigen Arbeitsverhältnissen, dargestellt am Beispiel ausländischer Pflegekräfte, um? Während Klara und ihr Mann Jakob offensichtlich nicht bemerken, welche Zumutungen auf mehr oder weniger subtile Weise sie Paulina zufügen, ist diese wiederum aus Angst um ihren Job zu keinerlei Widerstand fähig. Es geht also einerseits um die Arbeits- und Lebensbedingungen ausländischer Pflegkräfte, aber auch um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wobei die Autorin immer wieder auf überkommene, aber leider noch immer akzeptierte Rollenbilder von Mann und Frau verweist. Beide Frauen führen, wie der Buchtitel schon besagt, halbe Leben, da der Aspekt Familie fehlt, während der Beruf im Vordergrund steht und Opfer verlangt.
Dadurch, dass der Roman die Geschichte aus den unterschiedlichen Perspektiven der handelnden Personen darstellt, bekommt der Leser einen tieferen und intensiveren Einblick in die Motivation und Handlungsweise dieser Akteure. Ein insgesamt ansprechend geschriebener Roman mit aktueller Thematik. Prädikat: Sehr empfehlenswert.

Susanne Gregor: Halbe Leben
Hanser Literaturverlage, Wien 2025
ISBN 978-3-552-07523-8

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