Auf einmal ist die gefühlte Sicherheit weg

von Ria Garcia

Symbolbild. Foto: Katerina Hartlova / Pixabay

Kurz nach Beginn des Ukrainekriegs suchten sie bei uns Zuflucht: Frauen und Kinder, die dem Krieg entflohen waren, während ihre Männer beim Militär kämpften. Sie fühlten sich hier sicher.

Es war ein Projekt voller Euphorie zu Beginn des Ukrainekriegs. Schnell mussten Lösungen gefunden werden, um aus der Ukraine Geflüchtete in Erkrath unterzubringen. Die WBG stellte vorübergehend 30 Wohnungen in der Bachstraße und Beethovenstraße in Häusern zur Verfügung, die teilweise für Neubauten abgerissen oder komplett saniert werden sollten. Der Wirtschaftskreis, Unternehmen aus selbigem, allen voran auch Timocom und örtliche Handwerker ‘spuckten in die Hände’ und schafften schnell Wohnraum, der bezogen werden konnte. Selbst Glasfaser wurde mit Hilfe der Stadtwerke in der Bachstraße verlegt, damit die Kinder, die dort mit einziehen würden, dem Online-Unterricht aus der Ukraine folgen können.

Dass die Wohnungen nur für eine begrenzte Zeit zur Verfügung stehen, war allen bekannt, die sie 2022 mit so viel Euphorie hergerichtet haben. Inzwischen ist die Zeit abgelaufen. In der gemeinsamen Sitzung des Integrationsrats und des Ausschuss für Soziales und Wohnen wurde mitgeteilt, dass die Immobilien leergezogen sind. Sind die Menschen in anderen Wohnungen untergekommen? Wir sind aktuell nur auf ein Schicksal aufmerksam geworden, weil uns ein Ehemann und Vater aus der Ukraine geschrieben hat.

Hilferuf von einem ukrainischen Vater

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Leser uns Emails an die Redaktion schreiben. Es ist nicht einmal ungewöhnlich, dass darunter auch einige aus dem Ausland sind. Aber diese Email aus der Ukraine hat uns sehr berührt. Wir fügen sie hier ein. Den vollständigen Namen und die Kontaktdaten haben wir entfernt.

Guten Tag,
ich diene derzeit beim ukrainischen Militär.
Ich brauche Ihre Hilfe, meine Familie (Frau und Tochter) ist jetzt in Deutschland in der Stadt Erkrath.
Sie werden aus Sozialwohnungen vertrieben und sollen in einem Flüchtlingslager untergebracht werden.
Können Sie ihnen helfen, eine Wohnung zum Mieten und Wohnen zu finden?
Vielleicht haben Sie oder Ihre Freunde eine solche Wohnung?
Bitte kontaktieren Sie mich über WhatsApp oder per E-Mail:
Vielen Dank für Ihr Verständnis und Ihre Hilfe.
Mikhail aus der Ukraine

Die Email erreichte uns Ende letzter Woche. Inzwischen schreiben wir mit Mikhail über WhatsApp, um mehr zu erfahren und mögliche Kontakte zu vermitteln, die weiter helfen könnten. Seine Frau und seine Tochter waren in der Bachstraße 7 untergebracht, haben wir inzwischen erfahren. “Sie wurden von dort vertrieben“, schrieb uns Mikhail. Er schrieb uns auch, dass die beiden inzwischen über eine ‘Umsetzungsverfügung’ in der Freiheitstraße untergebracht wurden. “Dies ist eine Herberge mit Wohnwagen“, drückte er es aus. Gemeint sind die Wohncontainer in der Freiheitstraße.

Seine Tochter besucht längst die Schule hier in Erkrath und spricht schon besser Deutsch, als seine Frau, die aktuell Deutschkurse besucht. Für die beiden war die Umsiedlung ein Schock. Die gefühlte Sicherheit ist ins Wanken geraten und Mikhail fürchtet aus der Ferne, dass die bisher gute Integration seiner kleinen Familie hier in Erkrath in Gefahr gerät. Eine sicher nicht unbegründete Sorge, denn man hat – so schreibt uns Mikhail – den beiden einen Raum von gerade einmal neun Quadratmetern zugewiesen, in dem nicht einmal Platz für einen kleinen Tisch ist. Wo soll die Tochter ihre Hausaufgaben machen? Sorgen in einem Krieg, der in seiner Heimat tagtäglich die dort verbliebenen Menschen bedroht und nun auch noch Sorgen um Frau und Tochter in Erkrath, für die er aus der Ukraine so wenig tun kann. Dass er bei seiner Suche nach möglicher Hilfe uns fand und anschrieb, freut uns auf der einen Seite, macht uns aber auch traurig, weil das überhaupt nötig war.

Natürlich können auch wir keine Wohnung herbei zaubern, aber wir versorgen Mikhail mit Kontakten und Ansprechpartnern, die weiterhelfen und unterstützen könnten.


Wir schreiben hier über das Schicksal der kleinen Familie, um Vermieter aufmerksam zu machen, die vielleicht aktuell eine kleine Wohnung frei haben, die den Anforderungen des Jobcenters entspricht und weiterhelfen könnten. Melden Sie sich gerne über unsere Redaktionsemail: redaktion@erkrath.jetzt

Um zu erfahren, ob das hier geschilderte Schicksal ein ‘unglückliches’ Einzelschicksal unter den ehemaligen Bewohnern der Wohnungen Beethovenstraße und Bachstraße geblieben ist, haben wir uns mit Fragen an die Stadtverwaltung gewandt. Die Antworten werden wir nachtragen, sobald sie vorliegen.


Die Stadtverwaltung antwortete uns am 29. Januar 2024 auf unsere Anfrage:

Die Anmietung der Wohnungen in der Bachstraße 7 war bis 31.12.2023 befristet und konnte noch bis Mitte Januar verlängert werden.
Die Bewohnerinnen und Bewohner wurden frühzeitig (bereits am 15.05.2023) über diese Befristung informiert. Dabei wurden ebenso diverse Hilfestellungen, wie z.B. Nennung lokal ansässiger Vermietungsgesellschaften, Nennung von einschlägigen Suchportalen sowie die Ausstellung von Wohnungsberechtigungsscheinen vor Ort angeboten. Im Nachgang zu dieser Info wurden die Bewohnenden durch eine ukrainisch sprechende Betreuungskraft der Stadt Erkrath weiterhin regelmäßig auf das o.g. Auszugsdatum hingewiesen – mit dem Ziel sämtliche Handlungsoptionen, wie z.B. auch die Ausweitung der Suche nach Wohnungen über die Stadtgrenzen hinaus, auszuschöpfen.
Viele Bewohnerinnen und Bewohner haben in der Folge eigenständig Wohnungen gefunden. Ergänzend dazu konnten viele Personen mit Unterstützung der Stadt in neue Mietverhältnisse gebracht werden. Die Wohnungen wurden dabei  teilweise in Erkrath, teilweise außerhalb der Stadtgrenzen gefunden.
Von seinerzeit in der Bachstraße mehr als hundert untergebrachten Personen lebten dort Anfang 2024 nur noch 19 Menschen. Diese wurden unter Berücksichtigung, dass die Kinder weiterhin den bisherigen Kindergarten sowie die Schule besuchen können, in angrenzenden städtischen Unterkünften untergebracht. In naher Zukunft sollen mit Unterstützung der Stadtverwaltung weitere Wohnungen für diese Menschen gefunden werden.
In der Beethovenstraße leben derzeit 28 Personen in städtischen Wohnungen. Der Wohnungsbaugenossenschaft Erkrath gilt dabei ein besonderer Dank, da diese Menschen dort weiterhin wohnen bleiben dürfen.

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