Auf Augenhöhe in die digitale Welt

Senioren Smartphone
Foto: Congerdesign / Pixabay

Nie zuvor ist die Digitalisierung in Deutschland so schnell vorangeschritten, wie in der Pandemie. Viele Senioren fühlen sich abgehängt. Digitalpaten sollen das ändern.

Bankgeschäfte online erledigen, Bahnticket online buchen, digitale Zeitungen, wie erkrath.jetzt, online lesen oder das Navi im Auto bedienen: Für viele Senioren sind das Herausforderungen, die sie allein nicht bewältigen. Unter dem Motto Digital Dabei – Gemeinsam Online wollen die Städte Erkrath und Hilden gemeinsam mit der „Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher im Kreis Mettmann e.V.“ ab sofort mit dem Konzept Digitalpaten Senioren bei den ersten Schritten in die digitale Welt unterstützen. „Wir möchten Senioren ein sicheres Gefühl bei der Nutzung digitaler Medien geben“, erklärt der erste Beigeordnete der Stadt Hilden, Sönke Eichner. Weniger als 50 Prozent der Senioren nutzen bereits das Internet, so Eichner. Corona habe die Digitaliserung enorm beschleunigt, das finge bereits bei der Registrierung für einen Restaurantbesuch an.

„Wir haben mit Erwin Knebel von Wir Verbraucher im Kreis Mettmann schon andere Projekte erfolgreich umgesetzt“, berichtet Stefan Freiberg, Fachbereichsleiter Soziales in Erkrath, von der guten Zusammenarbeit. Als Beispiel nennt er die Pflege-Scouts, die seit 2018 Pflegebedürftige und Angehörige vor dem Besuch des MDK unterstüzen. „Begonnen hat das mit den Verbraucher-Scouts“, erklärt Erwin Knebel. Das Konzept habe sich vor allem an Menschen gerichtet, die ’nicht gerne lesen‘. Verbraucher-Scouts haben deshalb Vorträge in den Begegnungsstätten gehalten. Wie sehr Senioren gerade in der digitalen Welt abgehängt sind, sei bereits im vergangenen Jahr sichtbar geworden. Das Waldschwimmbad in Hilden bot nur noch Online-Tickets an. „Wir haben das kritisiert, weil vielen Senioren, die keine Online-Tickets buchen können, der Zugang verwehrt bliebt“, erzählt Erwin Knebel. Die Kritik ist angekommen. In diesem Jahr gibt es dreimal in der Woche eine Telefonhotline, über die Senioren bis maximal drei Tage im Voraus ihre Tickets bestellen können.

Start der Digitalpaten

Ein Jahr lang wurde das Projekt vorbereitet. Jetzt soll es losgehen. 25 ehrenamtliche Digitalpaten gibt es inzwischen. Die Mehrzahl kommt aus Erkrath und Hilden, da die beiden Städte offizielle Partner sind. Erste Paten gibt es aber auch in Haan und Wülfrath. Auch nach Langenfeld, Heiligenhaus und Velbert bestehen schon Kontakte.

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„Digitalpaten sind eine Experten“, betont Erwin Knebel. Hier gehe es um die Vermittlung von Anwenderwissen. Für weiter gehende Fragen habe man aber auch einige Paten an der Hand, die über tiefer gehendes Wissen verfügen. An die können sich die Digitalpaten wenden, wenn sie einmal nicht weiterkommen. Oft sind es aber einfache Anwenderfragen und Hilfestellungen, die das Einrichten und die Anwendung des Smartphones oder Tablets betreffen.

30 Prozent der Senioren, so Knebel, wollen keine digitalen Medien nutzen. „Das erfüllt uns mit großer Sorge. Sie sind die Analphabeten von morgen.“ Vielen sei die Technik ein Rätsel. Damit das nicht so bleibt, wurden mit Hilfe der Stiftung Engagement und Ehrenamt fünf Medienkoffer angeschafft, die vom Smartphone übers Tablet hin zum Notebook und Drucker und mobilem Internet das passende ‚Übungswerkzeug‘ bieten. Fragen wie „Wie konfiguriere ich mein Smartphone?“ und ähnliche Einstiegsfragen in die digitale Welt, sollen beantwortet werden. Künftig soll es für interessierte Bürger auch einen Newsletter geben, der nützliche und verständliche Informationen, Anregungen und Unterstützung in schriftlicher Form bietet.

In den örtlichen Nachbarschaftszentren und Begegnungsstätten liegen Listen der mitwirkenden Digitalpaten aus, die über die angegebenen Kontaktdaten erreichbar sind. Die Kontaktaufnahme ist auch über die Email info@digitalpaten.me oder die Website www.wir-verbraucher.me möglich. Unterstützungsbedarf kann ebenso über einen Anrufbeantworter unter der Rufnummer 0176 46 72 55 41 gemeldet werden.

Die ehrenamtlichen Digitalpaten

Digitalpatin Helga Breitenbach aus Hilden ist 78 Jahre alt. „Ich bin kein Digitalexperte“, stellt sie klar. Darum gehe es bei den Digitalpaten ja auch nicht. Die Anforderungen sind oft einfach und die Hilfe soll auf Augenhöhe sein. „Kürzlich bat mich ein Ehepaar aus Wülfrath um Hilfe“, erzählt sie. „Wir wissen nicht wo wir sind“, sprachen die beiden Helga Breitenbach an. Die versuchte dann für die Weiterfahrt die gesuchte Adresse ins Navi einzugeben und stellte fest, dass sie schon eingegeben war. „Wahrscheinlich hat ein Enkel schon vorgearbeitet und am Ende scheiterten die Beiden einfach daran, das Navi auch zu starten.“ Digitalpatin Edith Ohlendorf wohnt in Erkrath. Sie ist 69 Jahre alt. „Vor der Pandemie war sie ein Jahr in der ZWAR-Gruppe ‚Alt werden für Anfänger‘ aktiv. In der Pandemie fiel der Kontakt mehr und mehr weg und selbst die Emails wurden weniger. Kurz entschlossen hat sich Edith Ohlendorf selbst in das Video-Konferenzsystem Zoom eingearbeitet und hat die Mitglieder zu digitalen Meetings eingeladen. Zwei Gruppen habe sie so organisieren können. „Was ich traurig finde, ist das zwei Drittel der ehemaligen Teilnehmer auf der Strecke geblieben sind.“ Für sie Grund genug sich ehrenamtlich bei den Digitalpaten zu engagieren und keine Senioren zurückzulassen.

Es ist aber keine Voraussetzung für Digitalpaten, dass sie selbst bereits im fortgeschrittenen Lebensalter sind. Auch junge Menschen, die älteren Menschen verständlich und einfach erklären können, wie Endgeräte bedient werden, sind willkommen. In Haan hat eine Enkelin ihrer Oma den Weg ins Internet gezeigt. Das hat ihr soviel Freude bereitet, dass sie nun auch anderen Senioren helfen möchte. Auch Jugendliche sind als Digitalpaten willkommen, wenn sie helfen möchten.

Nicht bei allen Fragestellungen können Digitalpaten helfen. In solchen Fällen können sie auf das Expertenteam zugreifen. Experten sind, wie die Digitalpaten auch, ehrenamtlich tätig. Sie stehen im Hintergrund bereit, wenn Digitalpaten Unterstützung benötigen. Sie unterstützen die Paten auch mit Vorträgen und Schulungsangeboten.

Das Projekt: DIGITALPATEN
wird getragen von den Städten Erkrath und Hilden, mit finanziellen Fördermitteln des Kreises Mettmann, dem Förderverein der Verbraucherzentrale NRW WIR VERBRAUCHER IN NRW und der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher im Kreis Mettmann ( A G V ). Diese ist zuständig für die Realisierung und Koordination des Projektes im Rahmen der Förderbedingungen. Partner sind derzeit die örtlichen Begegnungsstätten und Nachbarschaftszentren in den beteiligten Städten sowie in Haan und Wülfrath.
Es wird angestrebt, weitere Organisationen und Institutionen aber auch Unternehmen, als Kooperationspartner zu gewinnen. Für die Realisierung des Projektes steht ein begrenztes finanzielles Budget zur Verfügung. Die Aktivitäten des Projektes orientieren sich an diesen zur Verfügung stehenden Ressourcen. Erweiterungen sind dann möglich, wenn zusätzliche finanzielle Mittel erschlossen werden können (z.B. Spenden, Sponsoring o.ä.).

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